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María Zambrano
Die Haltung gegenüber der Wirklichkeit


Gerade im Zeitalter der Moderne, das oft als das Zeitalter der Krise der Wirklichkeit definiert wird, ist die Haltung gegenüber dieser Wirklichkeit unberücksichtigt geblieben. Die Haltung gegenüber der Wirklichkeit ist etwas anderes, als die Bedingungen, nach denen die Erkenntnis ausgehend von der einfachen Wahrnehmung der Wirklichkeit verlangt. Wir wollen daher radikal aufweisen – mindestens so radikal wie die Bedingungen der Wahrnehmung der Wirklichkeit –, dass der Mensch eine einheitliche Veranlage auf die Wirklichkeit in sich trägt, die sowohl metaphysisch als auch praktisch ist. Diese notwendige Ausrichtung stellt eine Berufung dar, oder vielmehr eine absolute Notwendigkeit, was bedeutet: nur kraft dieser Berufung lassen sich die Möglichkeiten des Menschen realisieren. Daher könnte man neben all den bisher versuchten Definitionen vom Menschen durchaus auch sagen: Der Mensch ist dasjenige Geschöpf, das Sein durch die Wirklichkeit realisieren muss. Das Geschöpf ist auf die Wirklichkeit hin angelegt. Und in diesem Sinn impliziert die Berufung die sinnlichen und intellektuellen Bedingungen einer jeden Ordnung, die die Wahrnehmung und sogar der bloße „Kontakt“ mit der Wirklichkeit, das Gefühl, mit ihr zu tun zu haben, erfordern.

Wenn es so aussieht, dann kann die „Erkenntnistheorie” nicht länger als die erste und ursprüngliche Betrachtung dessen, was in der Moderne als das „Problem der Wirklichkeit“ bezeichnet wurde, gelten. Sondern die Erkenntnistheorie selbst folgt einer vorherigen Erkenntnis der Situation, der Haltung des Menschen gegenüber der Wirklichkeit. Die Erkenntnis folgt dem, was im Menschen in seiner Beziehung zur Wirklichkeit kongenial dazu ist, dass sie [die Wirklichkeit] ist, und zwar in jedem historischen Moment, in jeder persönlichen Situation. Die Wirklichkeit ist das, was am meisten und unausweichlich zählt. In seiner spezifischen Situation der Wirklichkeit gegenüber – gegenüber, in und mit ihr…– entdeckt der Mensch seine eigentlich menschliche und personale Lage und, indem er sie variiert, entdeckt er die konkrete Lage, in der sich sowohl der Mensch einer bestimmten Epoche als auch ein bestimmtes Individuum auf unausweichliche und enthüllende Art und Weise entdeckt.

Könnte man die Situationen, Haltung und Veranlagung des Menschen gegenüber der Wirklichkeit in mathematische Begriffe fassen, bekämen wir eine Chiffre die den Grad an erreichter Humanisierung oder Aufrichtigkeit einer historischen Epoche oder eines Menschen in seiner individuellen Entwicklung, anzeigte. Selbstverständlich sind wir von einer solchen mathematischen Erkenntnis weit entfernt, aber dadurch wird die Tatsache, dass die Chiffre einer Person ihre Haltung und ihr Verhalten gegenüber der Wirklichkeit, der Grad der Realisierung der Berufung ist, nicht geleugnet; es handelt sich hierbei um eine Berufung, die sich nicht darauf beschränkt, eine solche zu sein, sondern die auch ihre Realisierung impliziert.

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Das, was wir Wirklichkeit nennen, manifestiert sich stets augenblicksartig, zeigt sich gewissermaßen in einem Aufleuchten. Wir betrachten sie dabei als etwas, was „schon da war, bevor ich es wahrgenommen habe“, und nie anders. Dies bedeutet, dass wir unseren Eindruck von der Wirklichkeit, aus bestimmten, privilegierten Augenblicken beziehen, und dass uns in all den anderen Augenblicken, die Wirklichkeit als selbstverständlich erscheint. An ihrer Existenz, an der Tatsache, dass sie da ist, zweifeln wir nicht, und zwar auch nicht vor und nach dem Augenblick, in dem wir sie als Wirklichkeit wahrnehmen.

Daher rüttelt uns die Wirklichkeit wach und beim tagtäglichen Aufwachen aus den Tiefen des Schlafes, bei jeder Rückkehr aus der Abwesenheit, in der uns der Schlaf überkommt, wachen wir genau dann auf, wenn wir bemerken, dass sich Wirklichkeit und Zeit auf gleicher Ebene bewegen. Die Zeit als Freiheit: so dass wir frei sind, uns in der Wirklichkeit zu bewegen, indem wir die Zeit vergehen lassen. Ohne den zeitlichen Strom würde die unbeweglich vor unseren Augen ruhende Wirklichkeit uns in den Status des Schlafes zurückbringen, mit oder ohne Träume. Die Zeit ermöglicht es, dass die Wirklichkeit sich in ihrer Ganzheit aufspaltet, und dass wir uns in der Konsequenz dazu, zu ihr verhalten können, dass zwischen ihr und dem menschlichen Bewusstsein eine Kommunikation besteht, ein Kontakt und ein Abstand. Die Zeit befreit uns von der Wirklichkeit, indem sie uns ermöglicht, eine Beziehung mit ihr zu haben. Und eine Beziehung zu haben bedeutet für den Menschen, zu erkennen und zu handeln.

Wirklichkeit-Zeit-Freiheit ist die Gleichung des Erwachens, seine Chiffre. Die Gleichung, die die Gleichwertigkeit zwischen dem Menschen und der ihn kraft der als Vermittler fungierenden Zeit umgebenden Wirklichkeit anzeigt. Die Zeit mit ihrem Element der Sukzession: beziehungsweise die Zeit des Bewusstseins – des Unterscheidungsvermögens.

Darüber hinaus lässt sich die Wirklichkeit leicht von der Gewohnheit knechten, von den Gewohnheiten, die der Mensch im täglichen Leben erwirbt. Darüber verschwindet die Wirklichkeit beinahe. Im Netz der Gewohnheiten realisiert sie sich nicht, sondern versteckt sich, verschwindet und festigt sich zur gleichen Zeit. Das Bewusstsein ist nicht länger wach und beschäftigt sich nur mehr mit dem, was es unmittelbar vorfindet, mit dem, was es augenblicklich erfasst. Die Zeit zieht sich zusammen, teilt sich, ihr Dahinströmen ist nicht länger wahrzunehmen, oder tendiert dazu, es zu werden. Die Freiheit schläft ein. In der Tat sind die Wirklichkeit und das ihr gegenüberstehende Sein, also der Mensch, aneinander gebunden, und man könnte sagen, dass sie dasselbe Schicksal teilen: wenn sich die fliehende Wirklichkeit versteckt, erlöscht das Bewusstsein, es verliert seine Intensität, und das Sein selbst, das Sein, zu dem dieses Bewusstsein wie eine Lampe gehört, versteckt sich gleichermaßen, oder sogar noch mehr, vor der Wirklichkeit.

So überschattet das von Gewohnheiten geregelte, alltägliche Leben, das von der beruhigenden und Sicherheit schenkenden Gewohnheit geregelte Leben, sowohl die Wirklichkeit als auch das in Beziehung zu ihr stehende Sein. Die oben genannte Gleichung gilt weiterhin, aber all ihre Elemente sind reduziert und der Wachzustand gleicht sich langsam dem Schlaf an.

Und im Schlafzustand beginnt die Einbildungskraft zu wirken. Anfangs nur langsam. Dann aber werden die realen Wahrnehmungen durch andere ersetzt, die ihre Schatten darstellen. Es schleichen sich seltsame Gefühle ein, die – gleichwohl sie oftmals Wirklichkeitselemente und manchmal sogar die ganze Wirklichkeit beinhalten – Phantasiegebilde hervorbringen.

Wenn der Wachzustand endet und das Bewusstsein von der Wirklichkeit wegschlittert, dann schleicht sich der Schlafzustand ein. Genau in diesem Zustand aber begeht man die größten Fehler, und zwar die, die aus der Zerstreuung erwachsen. Sie erwachsen aus einer Zerstreuung, die in erster Linie eine fehlende Aufmerksamkeit, eine Preisgabe, ein Verlust des Wirklichkeitsbezugs bedeutet. Der Fehler setzt sich in diesen Fällen – manchmal unbemerkt – im Bewusstsein fest, und wird sogar zum Vor-Urteil, auf dem dann anschließende Urteile, Überzeugungen und Umnebelungen aufbauen, die den Platz der Wirklichkeit und der auf sie gründenden Urteile einnehmen, den Platz der aus der Beziehung mit ihr gewonnenen Überzeugungen. Das Bewusstsein hat so langsam seine Führungs- und Leitfunktion abgegeben. Und wie immer wenn man ohne Leitung unterwegs ist, verschließt sich der Weg. Als Ersatz für die wahre Freiheit schafft sich der Geist eine Pseudofreiheit, eine unabhängige Freiheit, außerhalb der Mauer der bildlich als Festung vorstellbaren Wirklichkeit.

In dieser Situation geht die Zeit auf fatale Art und Weise verloren und verstreicht unnütz. Dies fällt schwer ins Gewicht, denn einerseits wurde die Zeit zu nichts genützt. Gleichzeitig jedoch kann nichts Menschliches auf diese Weise verloren gehen, ohne ausschließlich negative Konsequenzen zu haben, die sich in der Leere dessen, was nicht genützt und verwendet wurde, ansiedeln. Diese Bewegung ist analog zu dem, was sich in der Leere dessen, womit wir uns nicht beschäftigt haben, abspielt. Denn in der Tat lässt sogar ein verlorener Gegenstand, eine Leere zurück, die zwar von einem anderen Gegenstand gefüllt werden kann, der ihm jedoch nie gleichwertig sein wird, und daher ein Bedauern in der Seele seines Eigentümers, der seinen Verlust zu verantworten hat, zurücklässt. Die unnütz verstrichene Zeit ist nicht etwa das, was man verloren hat; sie ist auch nicht gleichbedeutend zu den Dingen, die einem ihretwegen entgangen sind, also etwa gleichbedeutend zu dem, was man nicht wahrgenommen hat, was man nicht gedacht oder nicht getan hat, auch wenn schon das allein schwerwiegend genug wäre. Aber vor und nach all diesem bedeutet die unnütz verstrichene Zeit vielmehr das Schwinden der transzendenten Lage des Menschseins überhaupt. Oder anders ausgedrückt, das Schwinden des Menschseins in seinem Wesen und seiner integrativen Funktion.

Transzendieren bedeutet „übersteigen“, also die eigenen Grenzen überschreiten, ohne sie jedoch darum zu überwinden. Übersteigen und gleichzeitig „bleiben-in“. Es handelt sich hierbei um eine Bewegung, die ausschließlich dem Sein innewohnt, die nur etwas Existierendes besitzen kann und die alles Existierende notwendigerweise besitzt.

Das Transzendieren ist daher die aktivste und gleichzeitig die konstanteste unter allen Handlungen. Sie ist eine Handlung, die sich in einer bestimmten Handlung verwirklicht, gleichwohl sie dieser nicht immer notwendigerweise anhängt, aber gleichzeitig den aktiven Kern, den Agens jeder wahren Handlung darstellt. Eine ihres Transzendierens beraubte Handlung ist bloße Karikatur, oder aber – noch schlimmer – ein Double zur eigentlichen Handlung.

Beinahe einem Brandmahl gleich charakterisiert dieses unausweichliche Transzendieren alle Handlungen und Aktivitäten des Subjektes, und zwar ausgehend von den notwendigsten, ausgehend von denen, die die Kontinuität des Empfindens und Begreifens festlegen, wie die Formen der Sinnlichkeit, die nach Kant a priori Zeit und Raum bestimmen, und ohne Zweifel die von diesen gelenkt und geleiteten Sinne selbst, die Sinne, die im Menschen mit Sicherheit bereits Vernunft sind. Der ganze menschliche Organismus – im Menschen als Organismus – ist für die Vernunft bestimmt, oder für sie vorgestaltet. Nur das Ungleichgewicht der Person führt dazu, dass es nicht so ist, unveränderlich.

Die Sinne und die Formen der Sinnlichkeit, die Raum und Zeit bestimmen, sind Zugangswege zur Wirklichkeit. Zugangswege, aber nicht passiver Art, sondern vielmehr wie ein Weg, der da ist und dessen Aufforderung, begangen zu werden, angenommen oder aber auch abgelehnt werden kann. Ein Weg, der zugleich die größte Notwendigkeit darstellt: ihn ganz zu beschreiten, wird in jedem Augenblick die Situation des Menschen bestimmen und seine finale Rekapitulation, in der sich auf die ein oder andere Weise das Leben verdichtet. Dieser Weg entscheidet darüber, ob sich das Leben voll verwirklicht oder ob es sich im Zuge seines Fortschreitens auflöst und in der Unwirklichkeit verschwindet. In der Tat ist es nicht ausreichend, dass etwas als wirklich erscheint, um es tatsächlich zu sein. Das ist eine der Schwierigkeiten – mit Sicherheit nicht die einzige - mit der der Mensch in dieser so wichtigen Angelegenheit konfrontiert ist.

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Wenn der Mensch unausweichlich den Weg der Wirklichkeit zurückgelegen muss, wie ist es dann möglich, dass die Wirklichkeit zum grundlegenden Problem des modernen Denkens wurde? Wie ist es möglich, dass es eine Haltung und sogar eine Veranlagung gegenüber der Wirklichkeit gibt, wie wir bereits gezeigt haben? Die Existenz und Präsenz der Wirklichkeit sowie die Annäherung an sie müsste eine Grundkonstante des menschlichen Lebens sein, wie auch immer sich diese Wirklichkeit gestaltet, also auch wenn sie sich ändert.

Und trotzdem, wenn es sich so verhielte, wenn die Wirklichkeit sich immer mit ihrer Präsenz anböte, würde daraus folgen, dass die Haltung gegenüber der Wirklichkeit ihrerseits unabänderlich sein müsste, der Mensch müsste vollkommen einem Tier gleichen, wiewohl er eine Geschichte hat. Aufgrund der Tatsache, dass er eine Geschichte hat, wäre er ein Tier der Geschichte, so wie die Tiere der Natur sind – neben bei gesagt, wissen wir nicht genau, worin diese Natur, in der das Tier wie zu Hause ist, besteht, wir wissen nicht, welches ihre Tiefen, ihre Grenzen, ihr seelischer Hintergrund sind. Der Mensch wäre nicht eigentlich frei, wie es auch das Tier nicht ist, und wie dieses, wäre er perfekt in eine bestimmte Welt eingefügt, mehr noch als angepasst. Aber indem er es kraft seiner Freiheit nicht ist, kann sich der Mensch angesichts der Wirklichkeit zurückziehen, kann sie umgehen, kann sie durcheinander bringen und selbst durcheinander geraten, weil er sie einfach verändern kann, während das Tier sie nie verändert.

Das Tier verändert die Wirklichkeit niemals, obgleich es sich aus den Feldern Reisig sucht, um sein Nest auf einem Zweig zu bauen, oder eine Höhle in den Bergen gräbt, oder einen Bienenstock baut; obgleich es durch seine bloße Anwesenheit die chemische Konfiguration und Komposition seiner Umgebung verändert: das Leben bewirkt nämlich immer eine Veränderung. Aber all dies folgt seinem Lauf, so wie ihm die Sonne, der Mond und die Sterne folgen. In diesem Sinne wäre die Sonne das erste Tier im Leben der Erde. In den Kulturen vor dem Christentum wurde sie deshalb immer als ein Gott angesehen. Aber weder die Sonne, noch der Mond, noch die Pflanzen und auch nicht die Tiere erfinden neue Verhaltensweisen zu der sie umgebenden Wirklichkeit. Und sie ändern auch nicht die „Entscheidung“, die sie in der Unermesslichkeit der Wirklichkeit mit ihren wie auch immer gearteten Handlungen bewirken. Nur der Mensch ändert innerhalb der Grenzen von Raum und Zeit seine Verhaltensweisen zur Wirklichkeit, erfindet diese neu, entdeckt andere und neue Verhaltensweisen. Nur er führt an der Wirklichkeit tatsächliche Veränderungen und sogar Umwandlungen durch. Der homo faber ist bereits selbst ein Versuch des homo sapiens. Und beide sind Versuche des transzendenten Menschen, also Versuche des Menschen, insofern er transzendent und frei ist.

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Alles bisher über die transzendente Lage des Menschen gesagte – diese doppelte Transzendenz, durch das, was er an Vitalem besitzt und durch das, was er sein soll – gibt sozusagen seinen positiven Aspekt wieder. Aber wir sehen, dass die transzendente Lage als Freiheit auch ein Negatives mit sich bringt: und zwar eine Leere, die aus der mangelnden Übereinstimmung mit einem bestimmten Mittel entspringt, wie es hingegen beim Tier und bei den Pflanzen der Fall ist, oder auch die fortwährende Notwendigkeit sein Gleichgewicht, zu schaffen und neu zu schaffen, die ständige Spannung, um in dieser Welt, die sich als Lebensumwelt präsentiert, also zugleich leer und erfüllt und daher veränderbar, Bestand zu haben. Der Mensch untersteht daher einer doppelten Anziehungskraft: der Anziehungskraft der sichtbaren und offenkundigen Wirklichkeit, und der Anziehungskraft, die von der Abwesenheit und Leere ausgeht, die ihm dieselbe Wirklichkeit aufzeigt. Er sieht sich sowohl durch die Notwendigkeit gezwungen, sich mit dem, was ihn umgibt, zu beschäftigen, sich mit dem Gegebenen zu beschäftigen, also mit dem, was er aufgrund seines bloßen Daseins vorfindet, und sieht sich doch auch gleichermaßen gezwungen, zu handeln, sich durch Erfindung, durch Ersatz, durch Kompensation und im Extremfall durch eigene Schöpfung seinen Bestand zu sichern. Durch Schöpfung als Konsequenz des Denkens. In der Tat muss die sich ihm präsentierende, wechselnde Wirklichkeit, vor allen Dingen enthüllt, manchmal sogar entschlüsselt werden, sie muss entweder durch augenblicksartige Intuition oder einen diskursiven Prozess der Vernunft zur Klarheit des Denkens geführt werden.

Und auch dieser Mangel – in Form von Verkehrung, Veränderung und Verkleidung der Wirklichkeit – der sich dem Menschen zeigt, erfordert es, ihm gegenüber eine besondere Haltung anzunehmen. Eine Haltung, die mehr ist als ein bloßes Gegenüberstehen, denn wenn die Wirklichkeit nicht still steht, dann steht auch der Mensch weder ihr gegenüber noch in ihr selbst still. Das für die spanische Sprache charakteristische Verb stehen, bringt keine spontane, vorgängige Verhaltensweise des menschlichen Lebens zum Ausdruck, wie gewisse Denker annahmen. Zum Stehen kommt man im Gegenteil nur durch eine Art totaler Eroberung, oder aber weil die ewige Unruhe der Seele zur Ruhe kommt, oder weil das Bewusstsein zusammenfährt, oder weil es – wie oben ausgeführt – in eine Gewohnheit abfäll, die sich als gefährlich erweist. Oftmals erwacht man plötzlich aus dem Stehen, und dann sogar mit einer Art Reue, etwas verlängert zu haben, was man sich normalerweise nur als Belohnung gönnt. Wir könnten sagen, dass das Stehen ein Überbleibsel des Paradieses ist.

Und wenn das menschliche Transzendieren vom Standpunkt der Zweckmäßigkeit her betrachtet ein ständiges Übertreffen hin zu etwas ist, um es zu übersteigen, so erscheint es nachdem man das eigene Sein vom Ursprung her eingesehen und assimiliert hat, als unheilbare Wunde. In der Tat stellt es eine Öffnung auf die Wirklichkeit hin dar und somit, wie wir sehen werden, auf die Wahrheit, da die Wirklichkeit ohne Wahrheit nicht bestehen und nicht einmal wirklich sein kann. Eine Öffnung und ein Gitterzaun, wo die Wirklichkeit empfangen und beherbergt wird. Wo sie behalten und auch angeglichen wird. Und sogar in dieser Geburt ist sie wie eine Quelle: lebendige Aufmerksamkeit, Aufmerksamkeit, die in jedem Moment neu entsteht. Und etwas, das ständig aus sich selbst heraus neu entstehen muss, ruft unmittelbar die Vorstellung eines Herzens wach, evoziert auch aus dem, was wir als Gitterzaun definiert haben und was nicht irgendein Ort sein kann, sondern nur ein privilegierter Ort. Und der privilegierteste Ort von allen ist das Zentrum, das lebendige Zentrum eines jeden Dinges: im Falle des Menschen ist es das Herz.

Diese Haltung, die der Beziehung mit der Wirklichkeit und ihrem Verstehen entspricht, ist noch radikaler und tiefer als die intellektuell notwendigen Operationen, um sie zu ergreifen, die nur ihr Instrumentarium darstellen. Sie sind demnach nur die Methode und die Art und Weise und damit unausweichlich bedingt durch die Haltung gegenüber der Wirklichkeit.

Die Haltung gegenüber der Wirklichkeit bedingt ihre Erkenntnis und sogar ihre effektive Präsenz, weil sich die menschliche Freiheit hier (wie in allem), sogar in diesem Falle, als die Möglichkeit offenbart, ihr gegenüber ja oder nein sagen zu können. Dies bedeutet unter anderem, dass man die Wirklichkeit entdecken muss. Und bevor man sie entdeckt, muss man sie suchen.

Die Wirklichkeit, die sich in gewisser Weise selbstständig, unausweichlich und mitreißend vorstellt, verlangt aufgrund der menschlichen Lage danach, gesucht zu werden. Das menschliche Leben ist eine Reise hin zur Wirklichkeit, und zwar als Erkenntnis. Und dies verlangt nach einer Moral, einer Moral, die den Geist unterstützt und die Wahrheit auf nach ihr, also der Wirklichkeit, ausrichtet. Eine Moral, die das Herz und die Sensibilität mäßigt, genau so, wie es in jeder Berufung geschieht. Wie auch immer sie geartet sein mag, so geht die Berufung, um sich realisieren zu können, stets von einem Glauben aus und sie erfordert die Formulierung eines Gelübdes. Diese Vorsätze können in einem Moment des Enthusiasmus gefasst werden, aber sie müssen ständig erneuert werden, untermauert und zwar jedes Mal, da ihre Erfüllung schwach wird. Diese Handlung aber ist charakteristisch für die Moral, innerhalb derer wiederum die Erziehung einen entscheidenden Platz einnimmt.



(Übersetzung aus dem Spanischen von Enrica Merlo, Übersetzung aus dem Italienischen von Katharina Keßler)

Der hier veröffentlichte Text ist entnommen: María Zambrano, Filosofía y Educación. Manuscritos (hrsg, von Angel Casado e Juana Sánchez-Gey, Málaga 2007, S. 141-147). Die italienische Übersetzung, herausgegeben von Marietti, ist für Januar 2008 unter dem Titel Filosofia ed educazione vorgesehen.