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Wie eine Bewegung entsteht Auf den Internationalen Ferien von Comunione e Liberazione 1989 wurde Don Luigi Giussani die Frage gestellt, wie diese Bewegung entstanden sei, was sie heute noch trage und wie es für ihn persönlich angefangen habe. Im Folgenden geben wir seine Antwort wieder. Ehrlich gesagt, macht es mich etwas verlegen, wenn ich auf diese Frage antworten soll. Ein Zeugnis darüber, was die Bewegung Comunione e Liberazione ins Leben gerufen, und wie sie sich entwickelt hat, gibt es sogar schon in Buchform. Aber es stimmt auch, daß man über das, was man liebt, immer wieder sprechen kann. Selbst wenn man sich wiederholt, sagt man doch immer wieder etwas Neues, denn ein wahres Herz ist immer neu. Wie entsteht eine Bewegung? Wie entsteht eine christliche Erfahrung? Sie die entsteht aus einem Zeugnis, als eine Gabe des Geistes Gottes. Aber davon werde ich später sprechen. Eine bekannte italienische Tageszeitung hat unlängst den italienischen Denker Andrea Emo aus der Vergessenheit zurückgeholt und eine Anthologie seiner Arbeiten veröffentlicht. Unter anderem zitierte sie die folgende Passage: «Die Kirche war viele Jahrhunderte lang Protagonist der Geschichte, danach mußte sie die nicht weniger ruhmreiche Rolle des Antagonisten der Geschichte einnehmen. Heute hofiert sie lediglich die Geschichte.» Nun, genau das wollen wir nicht: die Kirche leben, um der Geschichte den Hof zu machen. Denn wenn Gott in die Welt gekommen ist, dann nicht, um sie zu hofieren, sondern um ihr Retter, ihr Erlöser zu sein, um der Mittelpunkt ihrer Zuneigung, um die Wahrheit des Menschen zu sein. Dies ist die Leidenschaft, die uns erfüllt und jeden unserer Schritte bestimmt. Natürlich kommt es vor, daß man in einer konkreten Entscheidung Fehler macht. Aber das Ziel ist nur eines: daß die Kirche die Geschichte nicht hofiert, sondern in ihr zum Protagonisten wird. Doch die Präsenz der Kirche in der Geschichte fängt bei mir und bei dir an, da wo ich bin, da wo du bist. In einer Ansprache an die Jugend Skandinaviens hat der Papst einen Satz gesagt, der den Inhalt unserer Botschaft vollständig zusammenfaßt: «Wie alle jungen Leute», sagte der Papst, «seid auch ihr auf der Suche danach, was im Leben wichtig und zentral ist. Auch wenn einige von euch geographisch weit auseinander leben und einige vielleicht vom Glauben und von einer Hingabe an Gott entfernt sind, so seid ihr doch hierhergekommen, weil ihr wirklich nach etwas Tragfähigem sucht, auf das ihr euer Leben aufbauen könnt. Ihr wollt sichere Wurzeln, und ihr merkt, daß der religiöse Glaube ein wichtiger Teil eines erfüllten Lebens ist, das ihr euch wünscht. Erlaubt mir, euch zu sagen, daß ich eure Probleme und eure Hoffnungen verstehe. Deswegen möchte ich heute, meine jungen Freunde, zu euch über den Frieden und die Freude sprechen, die man nicht im Besitz, sondern im Sein findet. Und das Sein wird bejaht, indem man eine Person kennenlernt und nach ihrer Lehre lebt. Die Person, die ich meine, heißt Jesus Christus, unser Herr und unser Freund. Er ist der Mittelpunkt, der Brennpunkt, derjenige, der alles in der Liebe vereint.» Wenn es erlaubt ist, möchten wir mit dem hl. Paulus sagen: «Wir kennen nichts anderes als dies.» Und das Wort ist Fleisch geworden Wie ist am Horizont meines Lebens diese Wahrheit erschienen, die so plötzlich mein ganzes Leben erfaßt hat? Ich war ein junger Seminarist in Mailand, ein braver Junge, gehorsam, beispielhaft. Aber wie Concetto Marchesi, wenn ich mich richtig erinnere, in einem seiner Bücher über lateinische Literatur schrieb: «Die Kunst braucht ergriffene Menschen, nicht ehrerbietige Menschen.» Die Kunst, das heißt das Leben, das kreativ sein will, das wirklich 'Leben' sein will, braucht ergriffene und nicht nur ehrerbietige Menschen. Ich war immer ein ehrerbietiger Seminarist gewesen, bis auf einen Monat, in dem mich der Dichter Leopardi mehr fesselte als unser Herr. Camus schreibt in seinen 'Heften': «Der Mensch wird nicht durch Skrupel groß. Die Größe kommt durch Gottes Gnade, gerade so unverhofft wie ein schöner Tag.» Für mich begann alles, wie die Überraschung eines «schönen Tages», als uns ein Lehrer im Gymnasium - ich war damals 15 Jahre alt das erste Kapitel des Johannesevangeliums vorlas und erklärte. Früher war es Pflicht, nach jeder Messe dieses Kapitel zu lesen. Ich hatte es daher schon tausende Male gehört bis zu jenem «schönen Tag». Es ist wirklich «alles Gnade», wie Adrienne von Speyr sagt, von der ich den folgenden Satz in Erinnerung rufen möchte: «Die Gnade überflutet uns. Das genau ist ihr Wesen [die Gnade ist nichts anderes als das Geheimnis Gottes, das sich uns mitteilt. Wie es das Wesen dieses Tisches ist, daß er aus Holz ist, so ist es eben das Wesen der Gnade, daß sie uns überflutet, überschüttet]. Sie geht nicht Schritt für Schritt vor, um die Dinge zu erleuchten, sondern strahlt ihr Licht aus wie die Sonne. Dem Menschen, den Gott so verschwenderisch überschüttet, müßte eigentlich schwindlig werden, so daß er nur noch das Licht Gottes sieht und nicht mehr seine eigene Begrenztheit und Schwäche. [Daher ist es auch einfach niederträchtig, wenn einer an der Begeisterung eines Jugendlichen Anstoß nimmt!] Er müßte auf jegliche [eigensinnige] Gleichberechtigung, jeglichen partnerschaftlichen Dialog mit Gott verzichten und einfach ein Empfangender sein mit weit ausgestreckten Armen, die nichts festhalten können; denn das Licht fließt an allem vorbei und ist nicht greifbar und ist viel mehr, als was wir festhalten könnten.» Als ich vierzig Jahre später diese Passage bei Adrienne von Speyr las, begriff ich, was mir damals geschehen war, als unser Lehrer vom Wort sprach, das Fleisch geworden war. «Gottes Wort, das heißt das, worin alles Bestand hat, ist Fleisch geworden», sagte er, «das heißt die Schönheit ist Fleisch geworden, die Güte ist Fleisch geworden, die Gerechtigkeit ist Fleisch geworden, die Liebe, das Leben, die Wahrheit sind Fleisch geworden.» Das Sein ist nicht im platonischen Reich der Ideen, es ist Fleisch geworden, einer von uns. Da erinnerte ich mich an ein Gedicht von Leopardi, das ich in jenem Monat der «Flucht» im dritten Jahr im Gymnasium gelernt hatte, mit dem Titel: «An seine Herrin». Es war keine Hymne auf irgendeine seiner vielen «Geliebten», sondern auf die Einsicht, die er plötzlich auf dem Höhepunkt seines Lebens gefunden hatte, von der er jedoch später wieder abfallen sollte: Die Entdeckung nämlich, daß das, was er in der Frau, die er liebte, suchte, etwas war, das über sie hinausging, sich zwar in ihr zeigte, sich durch sie mitteilte, aber doch über sie hinauswies. So schrieb er diese wunderschöne Hymne an die Frau, nicht an eine Frau, sondern an die Frau überhaupt. Sie endet mit folgendem leidenschaftlichen Ausruf: «Ob von den Urgedanken / Du einer bist, und ewige Weisheit wollte / Dir Sichtbarkeit und dir Gestalt nicht geben; / Solltest der Not entrückt, / Frei vom Hinfälligen sein, vom nichtigen Leben; / Ob eine andre Erd in Ätherhöhen, / Wo Welten ohne Zahl sind, dich beglückt, / Und dir ein naher Stern und schöner als die Sonne / Licht spendet und dir sanftere Winde wehn: / Von hier, wo kurz das Jahr ist, Elend lang, / Vernimm geheimer Liebe Preisgesang!» Und mir kam es vor, als ob dieses Gedicht von Leopardi eine Prophezeiung sei, 1800 Jahre später, eine Prophezeiung, die durch das, was der Evangelist Johannes verkündet, bereits in Erfüllung gegangen war: «Das Wort ist Fleisch geworden.» Das Sein (die Schönheit, die Wahrheit) hat sich nicht nur dazu herabgelassen, die eigene Vollkommenheit in Fleisch zu kleiden, es kam sogar, um für uns Menschen zu sterben: «Er kam unter die Seinen, doch sie nahmen Ihn nicht auf», Er klopfte an Sein Haus, doch man erkannte Ihn nicht. Das ist alles. Denn mein Leben wurde, als ich noch jung war, buchstäblich vom Gedächtnis all dieser Dinge überschwemmt: ein Gedächtnis, das beständig mein Denken durchdrang und gleichzeitig dazu anspornte, die einfachen Dinge des Alltags neu zu bewerten. Denn der Augenblick hatte seither für mich seine Banalität verloren. Alles, was es gab, - also auch alles Schöne, Wahre, Anziehende, Faszinierende, alles, was auch nur die Möglichkeit dazu in sich trug - fand in jener Botschaft seine Daseinsberechtigung, als Gewißheit einer Gegenwart und als Hoffnung, die dazu bewegt, alles zu lieben. Ich hatte damals auf meinem Schreibtisch ein Christus--Bild des italienischen Malers Carracci. Unter dieses Bild hatte ich den Satz des berühmten Vorkämpfers der Ökumene Johann Adam Möhler geschrieben, dessen 'Symbolik' und andere Schriften ich im Gymnasium gelesen hatte: «Ich glaube, ich könnte nicht mehr leben, wenn ich Ihn nicht mehr sprechen hörte.» Wenn ich heute mein Gewissen erforsche, muß ich die Barmherzigkeit Christi durch die Fürsprache Mariens darum bitten, daß ich wieder zu jener Einfachheit und zu jenem Mut von damals zurückkehren kann. Denn wenn ein 'schöner Tag' anbricht und man plötzlich etwas Wunderbares sieht, dann kann man nicht anders, als dies seinem Freund nebenan mitzuteilen. Es ist unmöglich, zu schweigen und nicht auszurufen: Schau dahin! Und so ging es auch mir. Studium Christi Es begann schon im Seminar, mit den Banknachbarn unserer ziemlich großen Klasse. Es sammelte sich eine kleine Gruppe. Denn es wirkt immer das gleiche Gesetz: Einige stehen dir näher, fühlen sich deiner Sicht, deinem Herz, deinem Leben enger verbunden. So bildete sich der erste wirkliche Kern der Bewegung. Wir nannten ihn 'Studium Christi'. Einmal im Monat, später alle zwei Wochen, verfaßten wir eine Zeitschrift mit dem Titel 'Christus'. Darin schrieb jeder, wie er den Zusammenhang zwischen der Gegenwart Christi und einem Gebiet, das ihn besonders interessierte: z.B. dem Studium, einem aktuellen Ereignis, etc., sah. Aber einige Klassenkameraden machten sich über unseren Versuch lustig. Sie schlössen sich zusammen und nannten sich: «Studium Diaboli» - in Freiheit ist vieles möglich. Eines Tages - inzwischen waren anderthalb Jahre vergangen - rief mich der Rektor des Seminars, der spätere Kardinal Colombo, zu sich und sagte mir: «Was ihr da tut, ist sehr schön. Aber es spaltet die Klasse, und deshalb müßt ihr aufhören.» Als er Erzbischof von Mailand war, erzählte er mir einmal - etwas poetisch übertreibend, wie es seine Art war - eine Episode, die an einem Winterabend geschehen sein soll, als wir alle durch den Säulengang zum Speisesaal gingen. Ich soll zu einem meiner Klassenkameraden gesagt haben: «Der Rektor hat den 'Christus' umgebracht», ohne zu merken, daß er hinter mir her ging. Ehrlich gesagt, erinnere ich mich nicht daran, so etwas gesagt zu haben. Aber solche Dinge und Ereignisse lassen sich nicht aufhalten, und der Samen, den ich beschrieben habe, belebte unsere Freundschaft in der ganzen Zeit, in der wir im Seminar zusammen waren. Er war zum Beispiel ausschlaggebend für die Wahl bestimmter Autoren. So haben wir im Gymnasium unter anderen Möhler, Solowjew und Newman gelesen, wobei wir halt so viel verstanden, wie wir verstehen konnten. So wurde unser Studium von einer Theologie beseelt, die sicher keine erstarrte Doktrin blieb. Er kam unter die Seinen, doch sie nahmen Ihn nicht auf Nach etwa zehn Jahren, in denen vieles geschehen war ich war noch Lehrer am selben theologischen Seminar - traf ich im Zug nach Rimini eine Gruppe von Schülern. Ich diskutierte mit ihnen über das Christentum und erkannte, daß ihnen die elementarsten Dinge völlig fremd waren. Da entstand in mir der übermächtige Wunsch, ihnen das mitzuteilen, was ich kennengelernt hatte, so daß auch für sie der 'schöne Tag' aufgehen konnte. Ich gab also mit Zustimmung des Rektors den Unterricht im Seminar auf (ich kümmerte mich in der Tat mehr um die Jugendlichen als um die Vorbereitung des Unterrichts) und beschloß, in der Oberstufe eines staatlichen Gymnasiums Religion zu unterrichten. Ich erinnere mich noch heute an jenen Tag, der für mein Leben so wichtig werden sollte: Als ich zum ersten Mal die vier Stufen hinaufging, die von der Straße zum Eingang der Schule führten, sagte ich mir: «Ich komme hierher, um diesen Schülern das zu geben, was mir geschenkt worden ist.»Ich wiederhole es immer wieder, denn dies ist der einzige Grund, aus dem wir all das gemacht haben, was wir gemacht haben, was wir machen und noch weiterhin machen werden, solange Gott es will: Damit sie Ihn erkennen. Es gibt in der Tat nichts Ungerechteres in der Welt, als daß man Ihn nicht kennenlernen kann. Daß Gott Mensch wird, daß Er unter die Seinen kommt, und sie Ihn nicht erkennen, das ist die schlimmste Sünde. Christus: Zentrum des Kosmos und der Geschichte «Christus: Zentrum des Kosmos und der Geschichte.» Als ich Johannes Paul II. in seiner ersten Ansprache diesen Satz sagen hörte - er war von Anfang an, wie meine Freunde von damals bezeugen können, bei uns ein häufiges Meditationsthema - als ich ihn also diesen Satz wörtlich sagen hörte, war ich so betroffen, daß in mir die Erinnerung wach wurde an die ganze Auseinandersetzung zwischen mir und den Schülern, zwischen den Schülern untereinander in der Schule und die Erinnerung an die tiefe Spannung mit der wir uns im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes versammelt hatten. Ich wiederholte den Jugendlichen immer die Worte: «Komm und sieh» oder «Du wirst noch Größeres sehen als dies», wie Jesus im Evangelium sagt. Oder, wie es in der Liturgie heißt: «Deine Kirche offenbare sich der Welt» oder «Gott ist der Ruhm seines Volkes». Und ich sagte: Was bedeutet z.B. «Gott ist der Ruhm seines Volkes» anderes, als die Veränderung, die Christus durch das Geheimnis seiner Gegenwart in der Kirche, im einzelnen und in der Gesellschaft bewirkt? Diese Veränderung ist das Wunder, das Ruhm verleiht. Das ist es, worum wir Gott seit Jahren bitten, nur das: daß Christus uns helfe, die Kirche zu leben, damit Er sich auch durch unser Leben, unser Handeln, unsere Weggemeinschaft, unsere Plane immer mehr den vom Geheimnis des Vaters auserwählten Menschen zeige, damit sich der Ruhm Gottes durch eine Zugehörigkeit zu Christus zeige, die unser Leben und das Leben der Welt verändert, indem sie es verwandelt. Das ist der einzige Zweck, weswegen wir uns versammelt haben und uns weiterhin versammeln werden, solange Gott will. In den ersten Tagen als Religionslehrer fragte ich die Schüler, die ich ja noch nicht kannte, auf der Treppe oder im Korridor: «Was meinst du, ist das Christentum hier in der Schule gegenwärtig?» Alle schauten mich verwundert an und lachten. Wer antwortete, sagte nur: «Nein, überhaupt nicht». Deswegen blieb ich hartnäckig und sagte: «Also entweder ist das Christentum falsch, oder es bedarf einer neuen Art der Vermittlung.» Das war, wie ich schon sagte, der Anfang jener Auseinandersetzung, die mit der Behauptung begann, Christus sei der Mittelpunkt des Kosmos und der Geschichte, der Schlußstein zum Verständnis des Menschen und der Welt, der Ursprung des Friedens für das menschliche Herz und die Gesellschaft, Grund für eine bis dahin unbekannte und unvergleichliche Zuneigung, wie sie z.B. Sokrates empfand, als er plötzlich die Unterhaltung unterbrach (unter seinen Schülern waren Platon, Xenophon und andere) und sagte: «Ist es nicht so, meine Freunde, daß wir, wenn wir über die Wahrheit sprechen, selbst die Frauen vergessen?» Die Erläuterung und Entfaltung der christlichen Botschaft zog mit der Zeit die Neugierde, den Zorn und die Zuneigung der Schüler auf sich und wurde so für zwölf Jahre (so lange war ich dort als Religionslehrer tätig) das meistdiskutierte Thema an der Schule. Christus und die Kirche waren fast tägliches Thema oft verbissener Diskussionen. «Welche Alternative bietet sich uns?», fragte ich die Schüler und frage ich heute noch. Die Politik? Dazu möchte ich eine andere Passage aus den 'Heften' von Camus aus dem Jahre 1953 zitieren: «Was die Linke befürwortet [die Linke war damals Symbol einer erlösenden Ehrlichkeit des politischen Einsatzes] wird verschwiegen oder als unausweichlich angesehen: 1. die Deportation von Tausenden von griechischen Kindern, 2. die physische Ausrottung der russischen Bauern, 3. die Millionen in den Arbeitslagern, 4. die politischen Entführungen, 5. die täglichen Hinrichtungen politischer Gefangener, 6. der Antisemitismus, 7. die Dummheit, 8. die Grausamkeit. Die Liste ist noch nicht beendet.» Mir genügt das schon. Das ist kein Pessimismus, aber es fällt schwer, die Politik der letzten Jahrzehnte nicht in diese Kategorien einzuordnen. Damals sagte ich also: «Wo gibt es sonst eine Hoffnung, die ernsthafter und erfolgversprechender ist als die Politik? Die Wissenschaft vielleicht?» Vor dreißig Jahren wurde das Wort 'Wissenschaft' noch viel mehr vergöttert als heute. Aber wir sollten Johannes Paul II. viele Jahre später sagen hören: «Die Wissenschaft, die nach dem Ganzen sucht, [denn es kann keine Wissenschaft sein, was nicht den Anspruch erhebt, den gesamten Horizont zu erfassen] führt spontan [sozusagen naturgemäß] zur Frage nach der Totalität selbst; eine Frage, deren Antwort sich nicht innerhalb dieser Totalität befindet» Das heißt, die Leidenschaft für den Gesamthorizont führt zur Frage nach dem Sinn dieses Horizontes. Innerhalb des Gesamthorizontes findet sich jedoch keine Antwort. Die Entwicklung unseres Interesses für das Leben in all seinen Aspekten bezog sich und bezieht sich immer auf Seine Gegenwart: «Wir glauben an Christus, der gestorben und auferstanden ist, an Christus, der hier und jetzt gegenwärtig ist.» Das hat uns immer dazu veranlaßt, uns für Politik in ihrer ganzen Bedeutung zu interessieren, in dem klaren Bewußtsein, daß sie uns das Heil nicht bringen kann. Es hat in uns auch die Leidenschaft für das Studium und für die Wissenschaft wiedererweckt, aber nicht aus Wissenschaftsgläubigkeit oder Karrieredenken heraus, sondern aus einer Ernsthaftigkeit, die der Erkenntnis ihren angemessenen Stellenwert zuordnet und anerkennt, daß ihr letzter Bestand Christus ist. Aus der Erfahrung Seiner Gegenwart ist eine Leidenschaft für das soziale und politische Leben einerseits und für das Studium andererseits entstanden. Das Meeting in Rimini ist ein Versuch, beharrlich und leidenschaftlich dieses zweifache Interesse zu bekunden, beziehungsweise die Wurzel, die dieses zweifache Interesse hervorgebracht hat. «Wir sind alle eins» Der hl. Augustinus schreibt in seiner Schrift 'Contra Iulianum': «Das ist das furchtbare und verborgene Gift eures Irrtums: daß ihr behauptet, die Gnade Christi bestehe in Seinem Beispiel, nicht aber in der Gabe Seiner Person.» Alle, auch jene, die in liberalen oder kommunistischen Zeitungen schreiben, sprechen mit Ehrfurcht über Christus, über die moralischen Werte des Christentums; ja sie lehren und predigen sogar den Christen, sie müßten nach den moralischen Werten leben, um den Staat zu stützen. Christi Gabe aber ist seine Person selbst. Es ist Seine Gegenwart. Das ist das Neue in der Welt, und es wird nie etwas Neueres geben als dies, niemals. Milosz schreibt in einem Gedicht: «Ich bin nur ein Mensch, daher brauche ich wahrnehmbare Zeichen. Leitern aus Abstraktionen zu bauen, ermüdet mich schnell. Erwecke daher, o Gott, irgendwo auf der Welt einen Menschen, und erlaube, daß ich, ihn anschauend, Dich bewundern kann.» Christus ist die Antwort auf diesen Ruf. Die Menschwerdung Christi entspricht der Natur des Menschen. Sie entspricht in unerdenklicher Weise einem wahrnehmbaren, gelebten und leidenschaftlichen Bedürfnis des Menschen. Der Erzbischof von Köln, Kardinal Meisner, hatte in seiner Einführungsrede die Frage angesprochen, über die ich jetzt sprechen will. Er sagte: «Das ewige Wort des Vaters ist Fleisch geworden und ist nun in der Kirche für alle Menschen hörbar und berührbar geblieben.» Aber woraus besteht die Kirche? Aus dir, aus mir! Das war die unmittelbare Entdeckung, nachdem ich mit dem Religionsunterricht am Gymnasium begonnen hatte. Wenn Gott Mensch geworden ist und hier ist und sich uns mitteilt, dann sind wir, du und ich, eins. Zwischen dir und mir, die wir einander eigentlich fremd sind, ist jede Fremdheit aufgehoben. Der hl. Paulus sprach sogar von «Feindschaft». Im Gegensatz dazu sind wir Freunde. Und so sagte ich: «Ihr wart fünf Jahre in einer Klasse, ihr habt fünf Jahre in der selben Bank gesessen, ihr habt tausend Dinge miteinander erlebt, aber ihr seid keine Freunde. Ihr fahrt zusammen in die Ferien, ihr lernt zusammen, ihr amüsiert euch zusammen, aber ihr seid keine Freunde. Ihr seid nur provisorische Gefährten. Zwischen euch ist nichts, was von Dauer wäre. Keiner von euch hat wirklich eine Beziehung mit dem anderen und interessiert sich für die Bestimmung des anderen.» Ich sagte das, weil Christus gerade durch und in unserer Einheit gegenwärtig wird, jene Einheit, die Er unter uns herstellt durch jenen Gestus, mit dem Er uns ergreift. Dieser Gestus ist das Sakrament der Taufe. Indem Er uns in der Taufe ergreift, führt Er uns als Glieder des einen Leibes zusammen. (Man möge dazu die ersten vier Kapitel des Briefes an die Epheser lesen.) Er ist also hier und jetzt gegenwärtig in mir, durch mich. Und der erste Ausdruck der Veränderung, durch die sich Seine Gegenwart zeigt, besteht darin, daß ich die Einheit mit dir anerkenne, daß ich anerkenne, daß wir eins sind. Im dritten Kapitel des Briefes an die Galater steht der folgende, von uns oft zitierte Satz: «Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus als Gewand angelegt. Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau, denn ihr alle seid einer, eine Person in Christus Jesus.» Welche Utopie auch immer der Mensch entworfen hat, niemals hat er sich vorstellen können, was das Faktum Christi zwischen dir und mir verwirklicht hat. Wenn du dieses Faktum anerkennst, wirkt es, und unser Leben wird menschlicher. Ich will auch gleich noch den anderen Satz aus dem Evangelium nennen, der die Herausforderung war (und ist), mit der ich die Schule betrat und die ich in jeder Unterrichtsstunde wiederholte: «Wer mir nachfolgt, wird das ewige Leben haben und das Hundertfache auf Erden.» «Das ewige Leben», - das mag euch vielleicht nicht interessieren, sagte ich, aber das «Hundertfache auf Erden», das heißt, die Liebe zur Freundin oder die Zuneigung zu den Eltern hundertmal besser leben, hundertmal mehr Leidenschaft zu haben für das Studium oder für die Arbeit, hundertmal mehr Gefallen an der Natur zu finden, und das kann euch unmöglich nicht interessieren. Genau das ist doch das Bedürfnis, von dem Milosz sprach: jemandem zu begegnen, der sichtbar und greifbar ist und in dessen Nachfolge man das Hundertfache erfahren kann. «Erwecke daher irgendwo auf der Welt einen Menschen und erlaube, daß ich, ihn anschauend, Dich bewundern kann.» Das ist Christus für den Menschen. Aber Christus ist in dir, in mir, und das ist furchterregend (mysterium tremendum); es ist der Ursprung unserer Verantwortung und unserer Demut, an denen wir nicht vorbeikommen, da wir das physische Zeichen Seiner Gegenwart sind. Wir waren 15 Leute, als ich sagte, daß unsere Gemeinschaft wirklich das große Zeichen ist, durch das Er in der Gegenwart erfahrbar wird, auch wenn dieses Zeichen bedingt, vorläufig und belächelbar ist. Aus den 15, die an diesem Treffen teilnahmen, wurden 300. Doch die Zahl ist unwichtig. Nach zwölf Jahren hätten wir genauso gut zu zweit oder zu dritt sein können. Gerade darin liegt ja die Bedeutung der Ehe, daß sie ein Zeichen ist für die Gemeinschaft. Denn in ihr begegnet man jener Einheit, die nicht aus dem Fleisch und aus dem Blut stammt, sondern aus Christus. Und die Gemeinschaft, die sich grenzenlos ausweitet, ist das Geheimnis dieser Identität, durch die und in der ich mit Furcht und Zittern und Liebe «Du» sagen kann. Diese Einsicht drängte sich uns auf bei einem Treffen in Varigotti am Ligurischen Meer. Die Gemeinschaft ist der Ort des Gedächtnisses Das Gedächtnis ist Bewußtsein einer Gegenwart, die begonnen hat und andauert. Das Gedächtnis ist Bewußtsein Seiner Gegenwart. Pavese, der große Dichter der Nachkriegszeit, sagte: «Das Gedächtnis ist das Wiederholen einer Leidenschaft.» Wir haben eine Leidenschaft für Christus, die sich wiederholt, denn leider kann es in uns keine Beständigkeit ohne Unterbrechungen geben. An anderer Stelle sagt Pavese: «Die Poesie, die kosmische Würde des Einzelnen, [das Zeichen des Göttlichen ist gerade die Möglichkeit, dem einzelnen Augenblick seinen vollen Wert zu geben,] entsteht aus jenen Augenblicken, in denen wir den Kopf heben und voller Staunen das Leben entdecken. Auch die Normalität wird zur Poesie, wenn sie zur Betrachtung wird. Das heißt, sie hört auf, normal zu sein und wird zu einem Wunder [gegenwärtiges, wirkendes Geheimnis].» Und noch ein anderer Satz von Pavese: «Der Reichtum eines Werkes, [das heißt einer Schöpfung oder unseres Lebens als Schöpfung] hängt immer von der Menge an Vergangenem ab, die es aufnimmt.» Eine Vergangenheit, die in der Gegenwart bestehen kann, aber mächtiger noch als die bloße Erinnerung. Denn die Erinnerung verflacht, sie ist wie ein abgetragenes Kleid. Das Gedächtnis ist eine Vergangenheit, die so sehr gegenwärtig ist, daß sie die Gegenwart mehr bestimmt als alles Gegenwärtige. Das Wort «Gedächtnis» ist zum Schlüsselwort unserer Gemeinschaft geworden. Das Gedächtnis leben: Die Gemeinschaft ist der Ort, an dem man das Gedächtnis lebt. Ich möchte jetzt einige Aspekte dieser Communio ausfalten. Ich habe das Wort Communio bisher nicht gebraucht: es bezeichnet eine Gemeinschaft, die nicht aus Fleisch und Blut entsteht, sondern aus Christus; eine Gemeinschaft, deren Leben das Gedächtnis ist. So sagte die hl. Katharina von Siena: «Das Gedächtnis hat sich mit Blut gefüllt.» Das Gedächtnis füllt sich mit dem Blut des Kreuzes und mit der Herrlichkeit der Auferstehung. Denn man kann Christus heute nicht mehr nur als den Toten sehen, ohne die Auferstehung. Deshalb sagte Claudel zu Recht: «Der Frieden besteht zu gleichen Teilen aus Schmerz und Freude.» Und der Friede ist das Erbe, das Er uns als Zeichen seiner handelnden und wirkenden Gegenwart hinterlassen hat. Die Dramatik des Kampfes Vor allem hat das Leben in der Gemeinschaft nie die Dramatik aufgehoben, es hat niemandem einen Schritt aufgezwungen. Es war immer ein Vorschlag, leidenschaftlich vorgetragen, aber gleichzeitig auch mit dem klaren Bewußtsein der Mühe, die es den kostet, der diesen Vorschlag annimmt. Gewiß, die Wahrheit trägt ihre eigene Evidenz in sich, und die Botschaft Christi entspricht dem Wunsch und der Erwartung des Menschen so sehr, daß davon zu hören einer wahren Flut an Evidenz gleichkommt, die einen unweigerlich emporreißt. Doch es macht sich auch gleich ein Widerstand bemerkbar. Ich sagte z. B. zu meinen Schülern: «Während ich hier zu euch spreche, paßt ihr auf, und eure Gesichter sagen: 'Das stimmt!' Aber gleich danach erfüllt euch etwas Teuflisches, die Erbsünde, mit lauter 'Aber', 'Wenn', 'Vielleicht', 'Jedoch', 'Wer weiß', das heißt mit Skepsis, um euch vor der Evidenz davonlaufen zu lassen, die euch aufgeleuchtet ist.» Es entsteht ein Widerstand, es kommt zur Dramatik eines Kampfes. Diese Dramatik ist in jeder Beziehung enthalten. Es gibt keine wirklich menschliche Beziehung, die nicht dramatisch ist. In Christus erreicht diese Dramatik ihren Höhepunkt. Aber das Dramatische besteht nicht etwa darin, daß man sich hysterisch in eine Sache hineinsteigert, sondern daß man zu jemandem 'Du' sagt im vollen Bewußtsein der Verschiedenheit und des noch zu bewältigenden Weges. «Früher weigerten sich mein Wille [dort steckt hauptsächlich der Widerstand] und auch meine Intelligenz» so schreibt ein litauischer Dissident -, «aber schließlich habe ich mich ergeben und habe gewonnen [Sieger ist, wer sich selbst behauptet]. Es war keine Kapitulation vor dem Gegner. Es war die Versöhnung mit dem Vater [das heißt mit dem Ursprung, aus dem ich hervorgegangen bin]. Daß er mich besitzt, ist meine Befreiung.» (In dem Buch 'II senso religioso', das eigentlich eine Mitschrift meines Religionsunterrichtes jener ersten Jahre ist, wird diese Gleichsetzung der Zugehörigkeit und der Freiheit ausführlicher dargestellt.) Nach kaum einem Jahr haben wir mit den Schülern der Gymnasialoberstufe eine Anthologie von Dionysios Areopagita mit dem griechischen Urtext herausgegeben, die einen der schönsten Sätze enthält, die ich je gelesen habe: «Wer kann je von Christi Liebe zu den Menschen sprechen, die überquillt von Frieden?» Das ist der Kern dessen, was ich vorhin sagte: «Ihm zu gehören, das ist meine Freiheit.» Die Bitte: der überragende Gestus des Menschen Damals, als wir noch einige Hundert waren, saßen wir von morgens bis abends zusammen und diskutierten, und ich konnte die Dramatik des Kampfes in den Jugendlichen selbst miterleben. Dadurch habe ich das erste Mal nach all den Jahren im Seminar verstanden, was es heißt zu bitten: Dieser höchste Ausdruck des Menschen ist auch der elementarste, er ist in jeder Situation möglich, auch einem Atheisten. Ja, je schwerer sich jemand tut, umso näher ist ihm die Bitte. In dem berühmten Roman 'Die Verlobten' sagt der «Unbenannte», der Atheist: «Gott, wenn es Dich gibt, dann zeige Dich mir!» Im Unterricht sagte ich dazu: «Sagt mir, ob es etwas Vernünftigeres gibt als das: 'Wenn es Dich gibt', das ist die Kategorie der Möglichkeit, 'dann zeige Dich mir', das ist die Bitte.» Wir werden alle nach der Bitte beurteilt werden. Denn sogar in einer Löwengrube oder lebendig begraben können wir immer noch schreien und bitten. Die ambrosianische Liturgie stellt uns in der Karwoche eine bewegende Form der Bitte vor (es ist staunenswert, welche Zärtlichkeit die Kirche immer wieder erreicht): «Auch wenn ich spät komme, verschließe Deine Türe nicht. Ich bin gekommen, um zu klopfen. Dem, der Dich unter Tränen sucht, öffne, barmherziger Herr. Empfange mich zu Deinem Gastmahl, gib mir das Brot des Reiches.» Ich habe den ersten, die sich damals trafen, nie gesagt: «Ihr müßt beten.» Alle nahmen von sich aus am Gebet teil, zumindest am Gestus, wenn auch nicht immer gleich am Inhalt. Aber nach einiger Zeit gingen alle täglich zur Kommunion. Ich sagte ihnen immer wieder, daß das Sakrament das höchste Gebet ist, das Wesen des Gebetes, denn es ist die Bitte des ganzen Ich: Man nimmt daran teil, auch wenn man nicht weiß, was man denken oder was man sagen soll. Auch wenn man gar nichts weiß. Man bittet allein dadurch, daß man da ist: «Da bin ich!» Wie soll man nun aber Werten und Inhalten ihren richtigen Platz zuordnen? Was brauchen wir, um unser Leben zu leben? Worum soll man eigentlich bitten? Um die Liebe zu Christus! Der heilige Thomas von Aquin schreibt: «Das Leben des Menschen besteht aus der Zuneigung, die ihn am meisten stützt und in der er die größte Befriedigung findet.» ('Befriedigung' im lateinischen Sinn von 'satisfactio', das heißt 'Erfüllung', 'Vollendung'.) Das schönste in der Geschichte unserer Bewegung ist, daß Hunderte und später Tausende von Jugendlichen die Liebe zu Christus gelernt haben und leben. Denn sie allein erlaubt es, den Freund, die Ehefrau, sich selbst zu lieben. Aber wie erhält man diese Fähigkeit, Christus zu lieben? Vor allem, indem man darum bittet. Die Bibel endet mit diesen Worten: «Komm, Herr, komm!» Es ist ein Satz voller Zuneigung, voller Hingabe. Bis vor einigen Jahren war es die Formulierung, die wir immer vorgeschlagen haben. Jetzt gibt es noch eine andere, auf die wir Wert legen: «Veni Sancte Spiritus. Veni per Mariam!» Es ist dieselbe Bitte, nur weiter entfaltet und bewußter. Eine Zuneigung, die alles umfaßt Eine Zuneigung, die dem Leben Bestand geben soll, eine Zuneigung, in der der Mensch seine Erfüllung finden soll, muß einen Inhalt bzw. einen Gegenstand haben, der einen Bezug zu allem hat (»pertinere ad omnia»). Guardini hat dazu einmal den bekannten Satz gesagt: «In der Erfahrung der großen Liebe sammelt sich die ganze Welt in das Ich-Du, und alles Geschehende wird zu einem Begebnis innerhalb dieses Bezuges.» Wenn die Liebe zwischen einem Mann und einer Frau sehr groß ist, dann wird das tragische Geschehen auf dem Platz des himmlischen Friedens, ein Lied, das man hört, die Nachrichten in der Zeitung oder die aufgehende Sonne, dann wird alles, was geschieht, zu einem Ereignis innerhalb dieses Bezuges. Das, worauf sich die Liebe richtet, muß alles miteinbeziehen. Ein Beispiel: CL (früher hieß es GS, Gioventù Studentesca - Schuljugend) hat nie einen Gestus vorgeschlagen, der nicht in einer unzweideutigen Weise erzieherisch war, nicht einmal das gemeinsame Essen. Deswegen fiel bei der Frage, wo wir gemeinsam Ferien machen sollten, die Wahl auf die Berge. Das war kein Zufall. Wir haben nicht mit Ferien am Meer begonnen, weil das Meer zerstreuender wirkt als die Berge. Eine belebende Umgebung und die beeindruckende Schönheit der Natur begünstigen jedes Mal neu das Entstehen der Frage nach dem Sein, nach der Ordnung, nach dem Guten des Wirklichen - die erste Herausforderung, durch die in uns der religiöse Sinn wachgerufen wird. Mit der nötigen Disziplin, auf die immer großer Wert gelegt wurde (denn die Disziplin ist wie ein Flußbett: Das Wasser fließt reiner, klarer und schneller; die Disziplin ist notwendig, denn so wird in allem ein Sinn anerkannt), waren die Ferien in den Bergen immer der Vorschlag einer Erfahrung für jeden einzelnen, wie eine Prophezeiung der Erfüllung, eine kleine Vorankündigung des Himmels. Jede winzige Einzelheit enthielt diese Verheißung und sollte diese Ankündigung verwirklichen. Was uns normalerweise vorgeworfen wird, ist gerade das Zeichen unserer Größe: daß alles innerhalb des Horizontes der Gegenwart Christi, das heißt unserer Gemeinschaft, geschehen soll. Man wirft uns vor, daß die Erfahrung der Liebe zu Christus allumfassend sein soll. Aber alles, was von Seiner Gegenwart getrennt ist, kann nicht bestehen. Die Trennung ist der Anfang der Zerstörung (es gibt kein «Ich», wenn es nicht imstande ist, alles zu umfassen). Daher haben wir immer das Wort «Zensur» gehaßt. Ich sagte zu den Jugendlichen: «Man darf nichts zensieren, ausklammern oder unterdrücken, nicht aus psychoanalytischem Interesse, sondern damit alles ans Licht kommt, sichtbar werde, erklärt und gefördert werde.» Die Freude auf dem Grund des Schmerzes Zeichen für ein Leben, das in der Zuneigung zu Christus seinen Weg geht, das heißt das am Leben Seiner Weggemeinschaft teilnimmt, ist die Freude (laetitia). «Ich habe euch diese Dinge gesagt, damit meine Freude in euch sei, und eure Freude vollkommen sei.» Christus sagte das kurz vor seinem Tod. Die Freude allein ist Mutter des Opfers, denn das Opfer ist unvernünftig, wenn es nicht von der Schönheit der Wahrheit angeregt ist. Die Schönheit - «Glanz des Wahren» -ruft zum Opfer auf. In der Bibel heißt es im Buch Jesus Sirach: «Ein glückliches Herz freut sich über das Mahl. Was es ißt, das schmeckt ihm.» Die Freude (laetitia) findet sich auch auf dem Grund des heftigsten Schmerzes, dem letztlich niemand entgeht: dem Schmerz über das eigene Böse. Zu unserer Weggemeinschaft zu gehören, bedeutet zu spüren, daß der größte Schmerz der Schmerz über das eigene Böse ist, über die Sünde. Ich kann nie sagen: «Ich werde nie mehr sündigen». Denn das Befolgen der Gesetze Gottes, die Konsequenz in der Nachfolge Christi sind ein Wunder der Gnade, nicht unsere Fähigkeit. Der Punkt, wo sich die Freiheit des Geheimnisses und die Freiheit des Menschen begegnen, ist also die Bitte. Und noch etwas haben wir im Laufe unserer Geschichte immer 'wieder betont: die Größe des Augenblicks, die Wichtigkeit des Moments, des Kontingenten. Im gegenwärtigen Augenblick begegnet uns eine unendliche Zahl von Anregungen, durch die das Geheimnis uns immer wieder anruft. Ich wiederhole oft, daß es nichts uns freundlicher Gesinntes gibt, als die unumgänglichen Bedingungen, denn sie sind die objektiven Zeichen, durch die das Geheimnis uns ruft. In der ambrosianischen Liturgie gibt es folgendes schöne Gebet: «O Gott, Du schenkst Deiner Kirche die Feier unaussprechlicher Geheimnisse, durch die unsere Nichtigkeit als sterbliche Geschöpfe erhoben wird in ein Band ewiger Freundschaft und unser Dasein schon in der Zeit zu blühen beginnt als ein Leben ohne Ende. Indem der Mensch in dieser Weise Deinem liebenden Plane folgt, gelangt er von der Sterblichkeit zu einer wunderbaren Erlösung [d.h. er geht über in eine Lebensform, die ihn immer mehr erblühen läßt].» Das Staunen über die Begegnung In seinem Buch 'Glaubensparadoxe' bemerkt De Lubac: «Der Konformist [wer der vorherrschenden Mentalität folgt, wer also nicht Seiner Weggemeinschaft folgt] betrachtet selbst die Dinge des Geistes nur nach ihrem äußeren, formalen Aspekt. Der Gehorsame dagegen betrachtet sogar die Dinge der Erde gemäß ihrem inneren, erhabenen Aspekt.» Deswegen, und damit unterstreiche ich einen weiteren Gesichtspunkt, muß man eine menschliche Fähigkeit pflegen, die den Kindern unmittelbar eigen ist, aber ihre wahre Größe erst in der Aneignung durch den Erwachsenen erreicht. Jemand hat es mir einmal folgendermaßen beschrieben: «Man gibt nichts weiter, was man nicht umsonst erhalten hat, [wie bei einem Kind]. Und man behält nur das, worüber man staunt.» Man muß sich also die Fähigkeit des Staunens aneignen. «Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Himmelreich gelangen.» Im ersten Kapitel des Johannesevangeliums wird erzählt, wie Johannes und Andreas sich aufmachen, um Jesus zu folgen. Er dreht sich um und fragt: «Was sucht ihr?» - «Meister, wo wohnst Du?» - «Kommt und seht!» Und sie gingen mit Ihm und blieben den ganzen Tag bei Ihm. Stellen wir uns die beiden vor, wie sie ganz verschüchtert jenem jungen Mann folgen, der vor ihnen hergeht. Wer weiß, mit welchem Staunen sie Ihn anschauten und Ihm später zuhause zuhörten! Es gibt noch eine andere Seite des Evangeliums, die mich genauso berührt. Sie beschreibt den Tag, als Jesus in Jericho ankam und durch die Menge ging. Zachäus, sozusagen der Chef der Mafia von Jericho, war auf einen Feigenbaum geklettert, um ihn zu sehen, denn er war klein. Und Jesus, der in der Nähe vorbeiging, blickte zu dem kleinen Mann auf. Stellen wir uns vor, was dieser Mann in dem Augenblick empfunden hat. Es war, als ob Christus ihm gesagt hätte: «Ich schätze dich, komm schnell herunter, ich komme zu dir nach Hause.» Aber diese Begegnung wäre nicht wahr es wäre, als ob sie auch vor zweitausend Jahren nicht geschehen wäre -, wenn sie nicht auch jetzt geschehen würde. Man kann Christus nicht anhängen, ohne zu verstehen, daß es heute wahr ist! Die Begegnungen mit Personen, die uns so anschauen und verstehen, und die wir so anschauen können, wie es damals zwischen Jesus und Zachäus geschehen ist, sind die allerwichtigsten Geschehnisse in unserem Leben. «Betrachtet täglich die Gesichter der Heiligen, und schöpft Kraft aus ihren Worten», heißt es in der Didache. Die Weggemeinschaft ist der Ort der Zugehörigkeit Man versteht also, daß die Gemeinschaft, die Weggemeinschaft der Ort der Zugehörigkeit meines Ichs ist, der Ort, der einem die entscheidende Art und Weise vermittelt, die Dinge anzuschauen, sie zu hören, sie geistig aufzunehmen, sie zu beurteilen, die Art und Weise zu planen, zu entscheiden und zu handeln. Unser Ich gehört diesem Leib an, und in diesem Leib findet es das gültige Kriterium, um sich mit der ganzen Wirklichkeit auseinanderzusetzen. Der Gesichtspunkt des einzelnen geht daher nicht einfach seinen eigenen Weg, sondern er verpflichtet sich selbst zu einem Vergleich, und in diesem Vergleich gehorcht er jener Weggemeinschaft. So sagte Rilke einmal zu seiner Frau - im Blick auf die beispielhafte, wenn auch zeitlich so begrenzte Zugehörigkeit, wie sie die Beziehung zwischen Mann und Frau darstellt - : «Wo noch etwas im Dunkeln verbleibt, ist es von einer Art, die keiner weiteren Klärungen bedarf, sondern der Unterwerfung.» Die Unterwerfung, die wir im Leben unserer Gemeinschaft erleben, ist groß: Es ist die Unterwerfung unter das Geheimnis Christi, der in unserer Weggemeinschaft gegenwärtig wird und uns begleitet. Peguy hatte das sehr gut erfaßt, als er folgende Zeilen schrieb: «Wenn der Schüler nicht einen Widerhall der Gedanken des Lehrers gibt, sondern nur einen billigen Abklatsch, wenn der Schüler nur ein Schüler ist - und wäre er auch der größte unter allen Schülern -, so wird er doch nie selbst etwas erzeugen. Der Schüler wird erst dann selber schöpferisch, wenn er einen eigenen Klang einführt [das heißt in dem Maße, in dem er kein Schüler ist]. Damit ist nicht gemeint, daß man keine Lehrer haben soll, aber der Schüler muß vom Lehrer auf dem natürlichen Weg der Sohnschaft abstammen, nicht auf den schulischen Wegen der Jüngerschaft.» Unsere Weggemeinschaft braucht genau dies, um Quelle der Mission in der ganzen Welt zu sein: nicht Schülerschaft, nicht bloßes Wiederholen, sondern die Sohnschaft. Es gehört geradezu zur Natur des Sohnes, der ja dieselbe Natur besitzt wie der Vater, daß er einen neuen Widerhall, einen neuen Klang hinzufügt. Es ist dieselbe Natur, und doch ist es etwas Neues. Das geht sogar so weit, daß der Sohn den Vater übertrifft und der Vater glücklich auf seinen Sohn blicken kann, der größer geworden ist, als er selbst. Aber das, was der Sohn macht, ist in dem Maße größer, in dem er die Intuition des Vaters besser verwirklicht. Gerade weil unsere Weggemeinschaft eine organische Einheit ist, gibt es nichts, was ihr mehr widersprechen würde als das Bestehen auf der eigenen Meinung, dem eigenen Maßstab, der eigenen Art, die Dinge zu sehen, einerseits und die bloße Wiederholung andererseits. Denn nur die Sohnschaft ist schöpferisch. Das Blut des einen - des Vaters - geht in das Herz des anderen - des Sohnes - über und schafft die Fähigkeit, zu einer neuen Verwirklichung. So vervielfacht und verbreitet sich das große Geheimnis Seiner Gegenwart, damit alle Ihn erkennen und Gott die Ehre erweisen. |
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