menu international site was ist cl geschichte der 
grunder spuren 
die zeitschrift buecher archiv kontakt home home home
28. Meeting für die Freundschaft unter den Völkern
Die Wahrheit wird euch frei machen
von Robert Spaemann
Rimini, 22.8.2007



Es gibt einen Satz von David Hume, dem Vater des angelsächsischen Empirismus und einem der wichtigsten Figuren der neuzeitlichen Philosophie, „We never advance one step beyond ourselves“. Dieser Satz drückt wie kaum ein anderer den Kern der modernen Weltanschauung aus. Ich sage nicht, dass er das wirkliche Denken der wirklichen Menschen ausdrückt. Nach wie vor denken wir, dass wir im Prinzip im Stande sind, etwas über die Wirklichkeit zu erkennen.

Und wir tun immer einen Schritt über uns hinaus, wenn wir uns freuen können mit den Fröhlichen und mit leiden mit den Leidenden. Wir können Menschen hassen, und wir können Menschen lieben und tun dabei immer einen Schritt über uns hinaus. Aber wir werden ständig von angeblich kompetenter Seite darüber aufgeklärt, dass wir in Wirklichkeit mit all dem nur in unserem eigenen Ich befangen sind. Neurologen zum Beispiel erklären uns, dass unser Erkennen, Wissen und Lieben nur in bestimmen Gehirnzuständen besteht. Für sich selbst macht der Neurologe allerdings eine Ausnahme. Seine Theorie soll nämlich nicht nur in seinen eigenen Gehirnzuständen bestehen, sondern sie soll etwas Wahres über die Wirklichkeit aussagen. “We never advance one step beyond ourselves”, das ist die Formel des modernen Relativismus, der auch gerne auftritt mit dem Slogan, jeder Mensch habe “seine Wahrheit”. Auch dies möchte der Relativist nicht gerne auf sich selbst angewandt wissen. Die Tatsache, dass jeder Mensch in seiner eigenen Welt gefangen ist, soll nämlich ihrerseits eine objektive Tatsache sein. Darin liegt ein Widerspruch. Die Zecke, die tatsächlich so etwas wie eine Wirklichkeit außerhalb ihrer nicht wahrnimmt, sondern für die alles Begegnende nur Umwelt ist, und Umwelt, die im wesentlichen definiert ist durch das Auftreten von Buttersäure oder die Abwesenheit von Buttersäure, diese Zecke weiß nichts von den Grenzen ihrer Umwelt. Der Mensch aber weiß von seinen Grenzen und alleine dadurch schon ist er „in der Wahrheit“. Er weiß, dass die Welt unserer Wahrnehmungen relativ auf unseren Wahrnehmungsapparat ist. Aber dieses Wissen ist gerade nicht relativ.

Die Hartnäckigkeit, mit der sich der Relativismus behauptet, hat einen praktischen Grund. Er erscheint nämlich vielen Menschen als Bedingung der Freiheit. Wenn es so etwas wie Wahrheit gäbe, dann würde der Satz des deutschen Dichters Matthias Claudius in einem Brief an seinen Sohn Johannes gelten „Die Wahrheit, mein lieber Sohn, richtet sich nicht nach uns, wir müssen uns nach ihr richten.“ Sich nicht nach etwas richten müssen, was von dem Individuum unabhängig ist, gilt vielen als Definition von Freiheit. Die Kompetenz, anderen Menschen Ratschläge zu geben, was sie tun und lassen sollen, oder sogar bestimmte öffentliche Verbote durchzusetzen, wird ausschließlich den Medizinern zugebilligt. Das öffentliche Verbot zu rauchen, wird in der Regel widerspruchslos hingenommen, weil es Ärzte sind, die erklären, dass das Rauchen schädlich ist. Im Übrigen aber werden Wahrheitsansprüche assoziiert mit dem Begriff der Intoleranz. Das ist natürlich ein Spiel mit Worten. Toleranz meint ja nicht, dass ich alle Meinungen für gleich gültig oder ungültig halte, sondern dass ich Menschen nicht daran hindere, Überzeugungen zu bekennen und nach ihnen zu leben, die meinen Überzeugungen entgegengesetzt sind. Heute aber wird die Toleranzforderung oft verstanden als das Verbot, überhaupt Überzeugungen zu haben. Die Überzeugung selbst gilt schon als intolerant. Eine eigentümliche Dialektik, da ja zunächst Toleranz bestand in Dulden von Überzeugungen und nicht in deren Verbot. Natürlich ist es so: Jede wahre Erkenntnis schränkt die Beliebigkeit ein, über eine Sache so und so zu denken. Wer Physik studiert hat, kann nicht mehr über die Zusammenhänge von Naturvorgängen beliebig denken und phantasieren. Er weiß, wie die Sachen sind und dieses Wissen scheidet eine Menge von Meinungen aus. Man akzeptiert diese Einschränkung überall dort, wo die betreffende Wissenschaft eine wichtige Bedeutung für unsere Naturbeherrschung hat. Thomas Hobbes, ein Theoretiker des 16. Jahrhunderts, schrieb einmal: Eine Sache erkennen heißt „to know what we can do with it when we have it.“ Die Steigerung unserer Möglichkeiten der Naturbeherrschung ist kompatibel mit dem Verständnis von Freiheit als wahrheitsindifferenter Beliebigkeit. Das Wissen dieser Wissenschaften behauptet ja nicht eigentlich Wahrheit sondern es behauptet, dass bestimmte Modelle der Wirklichkeit uns in Stand setzen, in den Lauf der Natur effektiv einzugreifen. Wahrheit aber im eigentlichen Sinn des Wortes meint etwas anderes. Wahrheit meint, dass die Wirklichkeit sich uns als sie selbst zeigen kann. Wir wissen zwar nicht , und werden es nie wissen, wie es ist, eine Fledermaus zu sein. Aber wir wissen, dass es irgendwie ist, eine Fledermaus zu sein, das heißt, dass die Fledermaus eine Innenseite hat, die auf irgendeine Weise mit unserer eigenen Innenseite Ähnlichkeit besitzt.

Wenn mein Hund zum Wassernapf läuft und trinkt, weiß ich, dass er Durst hat, und was Durst haben heißt, weiß ich aus eigener Erfahrung.

Es gibt zwei Weisen des Zugangs zur Welt, die beide dem Menschen wesentlich sind. Sie sind durch zwei fundamentale Interessen bedingt. Das eine ist das Interesse am Überleben, das Interesse, sich in der Welt zu behaupten. Das ist für den Menschen besonders schwierig. Er ist von Natur aus schlecht ausgestattet mit spezialisierten Organen. Er muss die Instrumente der Naturbeherrschung selbst entwickeln und dazu nach Erkenntnis trachten. Die so gewonnene Erkenntnis ist die von der Thomas Hobbes spricht. Eine Sache kennen heißt to know what we can do with it when we have it. Das andere Interesse ist es, uns in der Welt zu beheimaten. Unsere Stellung in der Welt zu verstehen. Die Dinge nicht nur als Objekte unserer Beobachtung und unserer Beherrschung zu betrachten, sondern als Wesen, die in irgendeiner Weise uns ähnlich sind. Wir sind Dinge unter Dingen, Lebewesen unter Lebewesen. Dieses Interesse geht auf ein Verstehen der Welt. Die neuzeitliche Naturwissenschaft hatte auf ein solches Verstehen grundsätzlich verzichtet. Sie hat nicht, wie Aristoteles verstehen wollen, warum ein Stein nach unten fällt, sondern sie hat versucht, die Gesetze zu erforschen, die dieses Fallen zu rekonstruieren erlauben. Die andere Weise des Erkennens, Erkennen als Verstehen, könnten wir auch als Orientierungswissen bezeichnen.

Und auch hier geht es natürlich um Wahrheit. Aber hier formiert sich gleichzeitig der Widerstand gegen Wahrheit. Orientierungsfragen, Wertefragen, wie man heute gern sagt, sollen mit Wahrheit nichts zu tun haben. Zwar hat man inzwischen erkannt, dass ein rein relativistischer Individualismus eine soziale Katastrophe wäre. Deshalb spricht man heute immer wieder von Wertevermittlung, Erziehung usw., aber dabei geht es in der Regel nicht um Wahrheit eines Wertes, sondern darum, in einer bestimmten Zivilisation eine minimale Gemeinsamkeit herzustellen. Wenn diese Gemeinsamkeit aber nicht auf Wahrheit gründet, dann kann natürlich jede solche Orientierung nur eine Form von Autoritarismus sein. Wenn die Rede von Menschenrechten in unseren Verfassungen nur bedeutet, dass wir uns auf solche Vorstellungen geeinigt haben, für sie aber keine Wahrheit beanspruchen, dann bedeutet jede verfassungsmäßige Bindung an solche Rechte eine Tyrannei der Toten über die Lebenden, der Verfassungsväter über die Generation, die die Regeln der Verfassung respektieren sollen, ohne selbst gefragt worden zu sein. Anders, wen es sich um Wahrheiten handelt. Wenn wir in der Mathematik den Satz des Pythagoras anerkennen, dann unterwerfen wir uns nicht der Autorität des Pythagoras, sondern wir unterwerfen uns der Autorität einer Wahrheit, die zwar zum ersten Mal von Pythagoras entdeckt wurde, bei der es aber im Grunde nicht darauf ankommt, wer sie entdeckt hat.

Auch die heutige Rolle des Diskurses und des im Diskurs erzielten Konsenses hängt davon ab, ob es in einem solchen Diskurs um Wahrheit geht. Michelle Foucault, der behauptete, dass die Welt uns kein lesbares Gesicht zuwendet, hielt auch den Diskurs für ein reines Machtspiel. Wer sich im Diskurs durchsetzt, hängt von ganz anderen Faktoren als von der Wahrheit ab. Es ist der, der besser reden kann, der mehr persönliche Ausstrahlung besitzt, der physisch ein besseres Durchhaltevermögen hat, und so fort. Nur ein wahrheitsfunktionaler Diskurs kann eine Autorität geltend machen, die nicht die Autorität von Menschen über Menschen ist.

Ja, es stimmt, dass im Namen der Wahrheit Menschen unterdrückt, verfolgt und getötet wurden. Es stimmt, dass in der Zeit der stalinistischen Diktatur die offizielle Parteizeitung in der Sowjetunion Pravda hieß, das heißt „Wahrheit “. Wahrheit macht sich ja in der Welt nur geltend in der Weise von Wahrheitsüberzeugungen, und Wahrheitsüberzeugungen können wahr oder falsch sein. Und auch im Namen wahrer Überzeugungen ist viel Unrecht geschehen. Wo es die Freiheit nicht gibt, Unsinn zu reden, da können wir auch nicht wissen, ob das Bekenntnis zur Wahrheit aus Freiheit und Einsicht stammt oder nur eine Weise der Anpassung ist. Die Autorität der Wahrheit kann sich nur in einem Ambiente der Freiheit realisieren. Wer die Behauptung historischer Unwahrheiten unter Strafe stellt, - also zum Beispiel die Leugnung des Kreuzestodes Jesu oder der europäischen Juden – der schwächt die Autorität der Wahrheit. Die Wahrheit spricht mit leiser Stimme. Christus sagt im Johannesevangelium:

„Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört meine Stimme“. Er spricht also von einer inneren Korrespondenz, einem inneren Gleichklang der Stimme der Wahrheit von außen und der Disposition des Herzens bei einem Menschen, der „aus der Wahrheit ist“. Aus der Wahrheit sein, was heißt das? Das heißt, seine Identität nicht gewinnen als Resultat eines Parallelogramms äußerer Kräfte und innerer Triebe, sondern aus einer inneren Öffnung für die Wirklichkeit selbst. Die Wirklichkeit des anderen, die Wirklichkeit der Welt, meine eigene Wirklichkeit. Im Johannesevangelium stellt Pilatus Jesus die Frage, ob er ein König sei. Christus antwortet darauf mit einer Antwort, die anscheinend nicht direkt auf die Frage bezogen ist. Er sagt: „Ja, ich bin ein König“, und fügt hinzu: „Dazu bin ich geboren und in die Welt gekommen, dass ich der Wahrheit Zeugnis gebe“. Das heißt, er ist deshalb König, weil er vom Wesen her Zeuge der Wahrheit ist. Sein Königtum ist deshalb nicht Herrschaft eines Menschen über andere Menschen, sondern Herrschaft der einzigen Instanz, die den Menschen frei macht, frei von aller Fremdbestimmung, frei sogar von sich selbst, der Instanz der Wahrheit.

Wahrheit und Freiheit sind in Wirklichkeit so wenig Gegensätze, dass sie vielmehr einander bedingen. Heidegger geht sogar so weit zu schreiben „Das Wesen der Wahrheit ist die Freiheit.“ Was heißt das? Der Mensch ist, wie uns die moderne Anthropologie lehrt, ein „instinktoffenes Wesen“. Es ist nicht durch ein inneres organisches System eingepasst in seine Umwelt. Sein Handeln ist nicht einfach Triebentladung oder Reaktion auf Umweltreize. Der Mensch lebt im Offenen. Wenn ich auf dem Meer fahre, und den Blick schweifen lasse, so sehe ich: Ich befinde mich immer im Mittelpunkt eines großen Kreises, des Horizontes. Ein Schiff, das einmal kurz am Horizont auftaucht, und wieder verschwindet, ist winzig klein. Es ist für mich bedeutungslos.

Das gilt für mich als Lebewesen. Jedes Lebewesen steht in der Mitte seiner Welt. Als denkendes Wesen aber weiß ich, dass in diesem Schiff auch Menschen sitzen, die ihrerseits auch im Mittelpunkt ihrer Welt stehen, und an deren Horizont ich einmal für einen kurzen Augenblick auftauche, ohne dass das für sie eine besondere Bedeutung hat. Dies zu wissen, zeichnet den Menschen aus.

Der Philosoph Helmut Plessner sprach von der „exzentrischen Position“ des Menschen. Der Mensch kann sich sozusagen von außen betrachten. Die Konkretisierung dieser theoretischen Einsicht ist es, was wir Achtung und was wir Liebe nennen. Man könnte Liebe definieren als das Wirklich werden des anderen für mich. Der andere ist für uns nicht nur Teil unserer Umwelt.

Wir sind zugleich Teil der seinen. Ich sah einmal einen Aufkleber auf einem Lastwagen „Denk’ an Deine Frau, fahr vorsichtig.“ Dieser Aufkleber appelliert an die menschliche Wahrheits- und Liebesfähigkeit. Die Sorge, einen lieben Menschen nicht zu verlieren, einen Menschen, der ein wesentliches Element unserer Umwelt ist, ist noch nichts spezifisch Menschliches. Aber dieser Aufkleber appelliert an die Fähigkeit, sich selbst als Teil der Welt des anderen zu sehen. Das heißt: Der Mensch ist ein wahrheitsfähiges und nach Wahrheit verlangendes Wesen.

Wir leben heute in einer Welt, in der die virtuelle Realität eine immer größere Rolle spielt. Wissenschaft und Technik gewinnen ihre Erkenntnisse zu einem großen Teil dadurch, dass sie natürliche Wirklichkeit simulieren. Die perfekte Simulation ist die, welche man von dem Original gar nicht mehr unterscheiden kann. Und so gehen die Menschen unmerklich dazu über, die Wirklichkeit selbst für nichts anderes als ihre Simulation zu halten. Die Computer sollen so menschenähnlich sein wie möglich. Und am Ende bilden wir uns ein, wir wären selber nichts als unsere Computer. Dabei fällt einem der Vers des Psalms ein über die Heiden, die ihre handgemachten Götter verehren:

„Sie sehen nicht, sie hören nicht, sie gehen nicht, sie riechen nicht. Und dann fährt der Psalmist fort: Ähnlich werden ihnen die, die sie machen“. Und doch wehrt sich der Mensch instinktiv dagegen, es nur mit Simulation zu tun zu haben. Stellen wir uns vor, es würde uns angeboten, von jetzt an bis zu unserem Ende, immer in einem Zustand höchster Euphorie zu leben. Wir würden das Beispiel eines solchen Menschen vorgeführt bekommen. Er liegt auf einem Operationstisch, er ist bewusstlos, in sein Gehirn werden Drähte eingeführt, die bestimmte Gehirnregionen stimulieren und in ihm diesen euphorischen Zustand erzeugen, ein Zustand, der andauern wird bis in hohes Alter, wo dann der Mensch durch eine sanfte Spritze getötet wird, ohne dass er davon etwas merkt. Und nun würden wir gefragt, ob wir ebenso behandelt werden möchten wie dieser Mensch. Ich denke, es wird nur sehr wenige Menschen geben, die bereit wären, ihr gewöhnliches, banales, teils vergnügtes, teils trauriges, teils langweiliges Leben zu tauschen gegen diese Euphorie. Warum? Der so behandelte Mensch ist doch offensichtlich aufs höchste zufrieden. Ja, aber wir wollen diese Art von Zufriedenheit nicht. Wonach Menschen verlangen, ist nach wie vor Wirklichkeit, Wahrheit. Und die Mitteilung, so etwas wie Wahrheit sei dem Menschen überhaupt nicht möglich, kann in Menschen eine tiefe Niedergeschlagenheit hervorrufen. Ein Beispiel ist der große deutsche Dichter und Dramatiker Heinrich von Kleist. Was David Hume mit seinem Satz „We never advance one step beyond ourselves” ausdrückte, das glaubte Kleist aus der Philosophie Immanuel Kants herauslesen zu können. Nach dem Studium der Kritik der reinen Vernunft schrieb er an eine Freundin: „Vor kurzem ward ich mit der neueren so genannten kantschen Philosophie bekannt. Dir muss ich jetzt davon einen Gedanken mitteilen. Wenn alle Menschen statt der Augen grüne Gläser hätten, so würden sie urteilen müssen die Gegenstände, die sie dadurch erblicken, sind grün, und nie würden sie entscheiden können, ob ihr Auge ihnen die Dinge zeigt, wie sie sind, oder ob es nicht etwas zu ihnen hinzutut, was nicht ihnen, sondern dem Auge gehört. So ist es mit dem Verstande: Wir können nicht entscheiden, ob das, was wir Wahrheit nennen, wahrhaft Wahrheit ist, oder ob es nur so scheint. Ist das letzte, so ist die Wahrheit, die wir hier sammeln, nach dem Tode nicht mehr, und alles Bestreben, ein Eigentum sich zu erwerben, das uns auch in das Grab folgt, ist vergeblich. Ach, Wilhelmine, wenn die Spitze dieses Gedankens dein Herz nicht trifft, so lächele nicht über einen anderen, der sich tief in seinem heiligsten Inneren davon verwundet fühlt. Mein einziges, mein höchstes Ziel ist gesunken und ich habe nun keines mehr.“ Heinrich von Kleist hat sich übrigens in noch verhältnismäßig jungen Jahren das Leben genommen. Ich kann an dieser Stelle nicht diskutieren, ob Kleist Kant richtig verstanden hat oder nicht. Was er verstanden hat, ist jedenfalls das, was der Satz von David Hume ausdrücken wollte. Wir tun keinen Schritt über uns hinaus. Das heißt, wir sind nicht wahrheitsfähig und wir sind nicht frei. Und wenn wir handeln, so können wir nicht eigentlich wissen, was wir tun. Wenn jemand mir zwei verschlossene Briefkuverts hinhalten würde, in dessen einem sich eine Million Euro befinden und in dem anderen mein Todesurteil, und er stellte mir frei, das Kuvert zu wählen, das ich will, so könnte man diese Freiheit nicht Freiheit nennen, so lange ich nicht weiß, in welchem Kuvert das Geld und in welchen sich das Todesurteil steckt. Wenn man mich darüber informiert, ist die Entscheidung klar. Niemand wird das böse Kuvert wählen. Der Zwang wählen zu müssen ohne zu wissen worum es sich handelt, ist die extremste Form von Unfreiheit. Und man kann umgekehrt eine Entscheidung nicht allein deshalb unfrei nennen, bei der jedermann voraussagen kann, wie die Wahl ausfallen wird. Wäre Freiheit gleichbedeutend mit Unbestimmtheit, dann müsste man sagen, dass alle Menschen, die zur Anschauung Gottes kommen, ihre Freiheit verlieren. Sie werden nämlich keinen Grund mehr finden, um sich gegen Gott zu entscheiden.

Verbreitet ist heute die Auffassung, es gebe nur in den empirischen Wissenschaften so etwas wie Wahrheit. Mit Bezug auf alle, den Menschen selbst betreffenden wichtigen Fragen aber, die Frage, woher kommt die Welt als ganze? Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Wer sind wir? Mit Bezug auf diese Fragen gäbe es nicht so etwas wie wahrheitsfähige Antworten, sondern nur subjektive Meinungen. Diese Ansicht beruht auf einem großen Irrtum. Er verkennt, dass auch Meinungen ja Wahrheit voraussetzen und sich auf Wahrheit beziehen. Etwas meinen, heißt, etwas für wahr halten ohne es jedoch zu wissen und ohne es beweisen zu können. Aber Wahrheit ist nicht mit Beweisbarkeit identisch. Wenn jemand der Meinung ist, es gäbe auch außerhalb unserer Galaxie Lebewesen und sogar vernünftige Wesen, der wird diese Behauptung niemals beweisen können. Das ändert nichts daran, dass diese Meinung entweder wahr oder falsch ist. Sie ist wahr genau dann, wenn es in anderen Galaxien Lebewesen gibt. Und sie ist falsch, wenn es dort keine gibt. Alles was ist, befindet sich in einem universalen Wahrheitsraum. Mit Bezug auf alles was es gibt, sind deshalb wahre und falsche Aussagen möglich. Und dies ganz unabhängig davon, ob wir jemals diese Wahrheit erkennen werden. Wahrheit kann auch nicht ersetzt werden durch den Konsens.

Auch ein universaler Konsens kann irrig sein. Wenn Ärzte am Bett eines Komapatienten sich darüber unterhalten, ob dieser Mensch noch etwas hören kann oder nicht, dann gibt es darauf eine eindeutige Antwort. Aber diese Antwort weiß nur der Patient selbst, der diese Ärzte miteinander sprechen hört. Und wenn er stirbt, wird niemand sie mehr wissen. Wenn die Wissenschaft zu einem Konsens darüber kommt, dass in dem Zustand, in dem dieser Patient sich befand, es unmöglich war, noch etwas zu hören, dann ist das Urteil der Wissenschaft vielleicht wahr, vielleicht falsch. Oder denken Sie an die Mutmaßungen, die wir anstellen über die Frage, ob es in fernen Galaxien Leben und Bewusstsein gibt. Wahrscheinlich werden wir das niemals wissen. Aber unsere Meinungen darüber sind deshalb doch eindeutig wahr oder falsch, so wie Meinungen ferner Sternbewohner Mutmaßungen angestellt werden darüber, ob auf unserem Planeten, der Erde, sich bewusstes Leben befindet.

Auch diese Sternbewohner werden dies vermutlich niemals wissen. Wir aber wissen es. Wir wissen, dass wir hier sind, und dass jeder sich irrt, der der Meinung ist, uns gäbe es nicht.

Es gibt heute in Europa einen relativistischen Sprachgebrauch, der mit der Bedeutung des Wortes „wahr“ unvereinbar ist. So sagen manche Menschen als Antwort auf eine Behauptung: „Das mag für dich wahr sein. Für mich ist das nicht wahr. Ich habe das, wovon du sprichst, ganz anders erlebt. Jeder hat eben seine Wahrheit.“ Hier wird das Wort „Wahrheit“ falsch verwendet. Es gibt Meinungen, die wahr oder falsch sein können ,es gibt Überzeugungen, die wahr oder falsch sein können. Aber eine falsche Meinung ist nicht „wahr für mich“, sondern sie ist ein Irrtum. Wenn ich einem Gesprächspartner sage:

„Ich habe starke Kopfschmerzen“, und er erwidert: „ Für mich hast Du keine Kopfschmerzen“, dann irrt er sich eben. Außerdem muss er mich für einen Lügner halten. Denn ich muss schließlich wissen, ob ich Kopfschmerzen habe oder nicht. Und wenn ich sage, ich hätte Kopfschmerzen, während ich keine habe, dann lüge ich eben. Niemals gibt es so etwas wie eine Wahrheit für mich. Wenn ich etwas für wahr halte, dann ist das nicht eine Wahrheit für mich, sondern es ist meine Meinung über die Wahrheit. Der Maßstab, das Kriterium für Wahrheit ist nicht die Festigkeit der Meinung eines Menschen, sondern ein objektiver Tatbestand, dem diese Meinung entweder entspricht oder nicht entspricht. Ähnlich unsinnig ist auch die Rede von der Veränderlichkeit der Wahrheit. Unser gemeinsamer Aufenthalt hier in Rimini ist veränderlich. Nächste Woche werden wir alle nicht mehr in Rimini sein.

Aber die Tatsache, dass wir am 22. August 2007 zu diesem Kongress in Rimini versammelt sind, ist unabänderlich. Sie unterliegt nicht irgend einem Wandel. Nicht einmal Gott kann sie ungeschehen machen. Sie ist eine Wahrheit.

Hier sollte ich nun aber etwas über den Zusammenhang unseres Glaubens an Gott mit unserer Überzeugung von der Objektivität und Unveränderlichkeit der Wahrheit sagen. Es war Friedrich Nietzsche, der wohl als Erster diesen unauflöslichen Zusammenhang bemerkt hat. Nietzsches These war bekanntlich die: „Gott ist tot. Wir haben ihn getötet“. Natürlich ist das eine Metapher Wenn Gott existiert, dann gilt das Wort der Heiligen Schrift „Ich bin es, der tötet, und ich bin es, der lebendig macht.“ Das heißt, wenn es Gott gibt, ist der Gedanke unsinnig, jemand könnte ihn getötet haben. Gott ist tot – das heißt in Wirklichkeit natürlich: Es hat ihn nie gegeben. Was es gab, war der Glaube an Gott. Und wenn Gott nichts war, als die eingebildete Projektion unseres Glaubens, dann kann man natürlich sagen: Gott ist tot, wenn der Glaube an Gott verschwunden ist. Nietzsche hielt den Atheismus für die unvermeidbare Konsequenz der Aufklärung. Gleichzeitig aber war er der Überzeugung, dass der Tod des Gottesglaubens die größte Menschheitskatastrophe sei, die es je gegeben habe. Eine Katastrophe vergleichbar der, die eintreten würde, wenn die Sonne ihre Anziehungskraft verlöre und die Erde in ein lichtloses Weltall taumeln würde. Was aber Nietzsche darüber hinaus sah, war das mit der Tötung Gottes die Aufklärung sich selbst zerstört. Die Aufklärung lebt vom Pathos der Wahrheit. Nietzsche schreibt: „Auch wir Aufklärer, wir freien Geister des 19. Jahrhunderts nehmen noch unser Feuer von dem Brand, den Platon entzündete und der auch der Christenglaube war, der Glaube, dass Gott die Wahrheit, dass die Wahrheit göttlich ist.“ Wenn es Gott nicht gibt, so schreibt Nietzsche, dann gibt es nicht so etwas wie Wahrheit. Dann gibt es nur subjektive Perspektiven auf die Welt, aber es gibt nicht jenseits dieser Perspektiven so etwas wie eine wahre Welt. Nur wenn es den universalen Blick Gottes gibt, die universale Perspektive Gottes, der die Welt entsprungen ist, dann gibt es so etwas wie eine absolute unveränderliche Wahrheit. Wenn es Wahrheit in diesem Sinne nicht gibt, dann gibt es auch keine Aufklärung, und dann zerstört die Aufklärung mit der Abschaffung Gottes zugleich sich selbst. Und das war Nietzsches Überzeugung. Die Aufklärung bringt den Nihilismus hervor, an dessen Ende dann Platz geschaffen wird für neue Mythen, Mythen, die nicht so etwas wie Wahrheit widerspiegeln, sondern die dem Willen zur Macht, zur Macht des Stärkeren Ausdruck geben. Wenn es so etwas wie Wahrheit nicht gibt, dann wissen wir allerdings auch nicht, wer wir selbst sind. Wir sind auf jeden Fall nicht das, für was wir uns halten, freie wahrheitsfähige Wesen, das heißt Personen. Auch diese Konsequenz hat Nietzsche gezogen. Damit war ein folgenschwerer Schritt des Denkens getan.

Die klassische philosophische Theologie hatte eine rationale Gotteslehre ausgearbeitet, die die Möglichkeit menschlicher Wahrheitserkenntnis voraussetzt. Aus der Betrachtung der irdischen Dinge gelangte sie schlussfolgernd zur Erkenntnis der Existenz eines Schöpfergottes. Dieser Schöpfergott erklärte dann auch sozusagen im Rückblick die Wahrheitsfähigkeit des Menschen. Diese wurde verstanden als eine Teilhabe an der göttlichen Vernunft. Nietzsches These aber war es, dass diese Argumentation zirkulär ist. Wenn sie die Wahrheitsfähigkeit des Menschen voraussetzt, dann muss sie eben hierzu bereits die Wirklichkeit Gottes voraussetzen. Andernfalls ist nämlich die Vernunft kein Organ der Wahrheit, sondern nur ein Überlebensinstrument der Spezies Homo sapiens. Die Aufklärung hielt den Offenbarungsglauben für etwas Zweifelhaftes und die Vernunft für etwas sicheres. Nietzsche zeigte, dass die Vernunft selbst nichts sicheres ist. Wir müssen an sie glauben, ebenso wie wir an die Existenz Gottes glauben müssen. Übrigens hatte das schon Descartes gesagt.

Descartes vertrat die Auffassung, dass wir auch an den evidentesten Einsichten unserer Vernunft noch zweifeln können. Sie könnten bloße Vorspiegelungen eines Dämons sein. Modern sprechend könnten wir das variieren und sagen, sie könnten bloße Evolutionsprodukte sein. Und unsere Überzeugungen nicht wahr oder falsch, sondern lediglich überlebensdienlich oder nicht überlebensdienlich. Erst die Überzeugung von der Existenz Gottes ist es, die uns nach Descartes die Verlässlichkeit unserer rationalen Einsichten garantiert. Mit anderen Worten: Auch das Vertrauen auf die Erkenntnisfähigkeit der Vernunft ist ein Vertrauen, auch vernünftigem Wissen liegt ein Glaube zu Grunde, der Glaube, dass es ein solches Wissen überhaupt geben kann.

Wir müssen daraus allerdings nicht die Schlussfolgerung Nietzsches ziehen die uns im Absurden landen lässt. Nietzsche geht davon aus, dass Gott nicht existiert, und dass wir deshalb auch als freie, wahrheitsfähige Personen nicht existieren. Diese These enthält natürlich einen Widerspruch. Denn wenn es so etwas wie wahre Erkenntnis nicht gäbe, wie könnte man dann eben dies wissen? Nein. Jemand schrieb auf eine Mauer: „Gott ist tot.“ Nietzsche. Am nächsten Tag fand sich darunter ein zweiter Satz. „Nietzsche ist tot.“ Gott.

Aber es bleibt etwas von Nietzsche. Es bleibt die Einsicht in den unzertrennlichen Zusammenhang des Glaubens an Gott und der Affirmation unserer selbst als Personen. Das eine ist nicht ohne das andere zu haben.

Gottesbeweise sind nicht wie Beweise in den exakten Naturwissenschaften, Beweise, die jedermann jederzeit überprüfen kann. Der Glaube an die Existenz Gottes kann demjenigen nicht bewiesen werden, der gar keine freie wahrheitsfähige Person sein will. Wer sich entschlossen hat, im Absurden zu leben, kann durch kein Argument dazu bewogen werden, an die Existenz Gottes zu glauben. Wer sich entschlossen hat, im Absurden zu leben, der braucht nicht Argumente, sondern er braucht vielleicht einen guten Freund, er braucht einen Menschen, der ihn liebt. Jemanden lieben heißt, nach einem Wort von Gomez Davila „Den Grund verstehen, warum Gott den geliebten Menschen gemacht hat“. Erst wer herausgetreten ist aus dem düsteren Reich der Absurdität, wer gelernt hat, sich selbst ernst zu nehmen, der ist zugänglich für einen Gedankengang, der ihn jenen Schritt über sich hinaus zu tun, den David Hume für unmöglich hielt. We never advanced one step beyond ourselves.

Lassen Sie mich Ihnen zum Schluss einen kurzen Gedankengang präsentieren, der den inneren und unauflöslichen Zusammenhang unseres Gedankens der Wahrheit mit dem Glauben an die Existenz Gottes deutlich macht. Ich sagte bereits, dass Wahrheit unveränderlich ist. Dass wir hier in Rimini am 22. August 2007 versammelt sind, das ist wahr und wird immer wahr bleiben. Und das gilt für alles, was geschieht, es gilt für jeden Schmerz eines Menschen, und es gilt für jede Freude eines Menschen, es gilt für jede glückliche

Begegnung: Was auch immer in Zukunft daraus werden wird: Dass es einmal war, ist immer wahr und wird immer wahr bleiben. Wir können das Gegenteil nicht denken. Zu der grammatischen Form des Präsens gehört unzertrennlich die grammatische Form des Futurum exactum. Wenn jemand behaupten würde, es werde einmal aufhören, wahr gewesen zu sein, dann ist es auch jetzt nicht wirklich. Wenn es einmal nicht mehr wahr sein wird, dass das, was jetzt ist, gewesen ist, dann ist es auch jetzt nicht. Das Gewesen- sein gehört konstitutiv zu jedem zeitlichen Seienden. Aber, so kann man fragen, was ist diese Wahrheit, wenn alle Erinnerung daran verschwunden ist, und wenn auch alle Spuren, die ein Ereignis hinterlassen hat, getilgt sind? Und das wird spätestens dann sein, wenn alles Leben von diesem Planeten verschwunden sein wird, und wenn der Planet selbst nicht mehr existieren wird. Was gewesen ist, bleibt gewesen. Aber was heißt gewesen sein, wenn es keine Gegenwart mehr gibt, um deren Vergangenheit es sich handelt. Vergangenheit setzt immer eine Gegenwart voraus, deren Vergangenheit sie ist. Wenn wir also gar nicht anders können als ein ewiges Gewesen-sein zu denken, also zu denken, dass alles, was ist, in der Weise des Vergangenseins bleibt, dann müssen wir ein Bewusstsein denken, in dem alles, was geschehen ist, aufgehoben ist.

Ohne ein solches absolutes und unveränderliches Bewusstsein können wir so etwas wie eine überzeitliche Wahrheit nicht denken. Aber ohne eine solche überzeitliche Wahrheit können wir auch unsere jetzige Wirklichkeit nicht denken. Da wir kein Präsens ohne ein dazugehöriges Futurum exactum denken können, können wir uns als gegenwärtig und wirklich nur denken, wenn wir Gott denken. Nietzsche hatte wohl recht, wenn er schrieb: „Wir werden, fürchte ich, Gott nicht los, so lange wir an die Grammatik glauben.“ Aber auch Nietzsche konnte nicht umhin, seine Gedanken der Grammatik anzuvertrauen.