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Moskau-Paolo Pezzi
So als ob Christus mich fragt: «Liebst du mich?»
Alberto Savorana

Am 21. September hat Papst Benedikt XVI. den italienischen Priester Paolo Pezzi zum neuen Metropolitan-Erzbischof der Erzdiözese «der Muttergottes» von Moskau ernannt. Paolo Pezzi kam am 8. August 1960 in Russi in der Provinz Ravenna zur Welt. Nach dem Studium der Philosophie und Theologie an der Päpstlichen Thomas-Universität in Rom erhielt er 1990 in der Priesterbruderschaft der Missionare des Heiligen Karl Borromäus (FSCB) die Priesterweihe. Anschließend promovierte er an der Lateranuniversität über das Thema «Katholiken in Sibirien – Ursprünge, Verfolgung, Gegenwart». Bisher war er unter anderem als Chefredakteur der katholischen Diözesanzeitung und Dekan Zentralsibiriens in der heutigen Diözese der Verklärung von Nowosibirsk (1993–1998) tätig. Anschließend folgte eine Zeit als Generalvikar der Priesterbruderschaft (1998–2005). Seit 1998 war er Verantwortlicher von Comunione e Liberazione in Russland sowie Dozent und später Rektor des Großen Priesterseminars «Maria Königin der Apostel» in Sankt Petersburg.

«Ich bin gerührt und erstaunt, denn ich erkenne, dass ich geliebt, gewollt, bevorzugt bin – und das nicht so sehr wegen der Ehre, die mit diesem Amt verbunden ist. Gott sieht nicht auf meine Fähigkeiten. Der Grund ist vielmehr, dass Christus mich hier fragt: «Liebst du mich?», wie er es im Gespräch mit Petrus tat, dessen Text ich täglich lese. Auf geheimnisvolle Weise ist meine Ernennung gleichsam ein ganz einzigartiges Eintreten in die innerste Beziehung zwischen Christus und den Seinen.» Das waren die ersten Worte Paolo Pezzis am Telefon, einen Tag nach seiner Ernennung zum Metropolitan-Erzbischof von Moskau. Pezzi ist 47 alt, stammt aus Russi in der italienischen Provinz Ravenna und ist Priester der Priesterbruderschaft vom heiligen Karl Borromäus. Am Vorabend seiner Bischofsweihe hat er Spuren die Geschichte erzählt, die ihn bis in das Herz der katholischen Kirche in Russland geführt hat. «Ich staune und bin zugleich dankbar für das, was mir begegnet ist. Denn diese Ernennung ist zugleich eine Anerkennung der Größe des Charismas der Bewegung, und damit Giussanis. Damit ist auch sein Reformwerk verbunden, das uns die christliche Botschaft aus der Kirche heraus erneut erleben lässt. Ich erinnere mich jetzt an die Worte Benedikts XVI. vom 24. März auf dem Petersplatz: „In der Kirche sind auch die kirchlichen Institutionen charismatisch und andererseits müssen sich die Charismen auf die eine oder andere Art und Weise institutionalisieren, um Kohärenz und Kontinuität zu bekommen.“»

Was stand am Anfang dieser Vorliebe, was war der «schöne Tag», der dein Leben verändert hat?
Es hört sich komisch an, aber das war während des Wehrdienstes. Ich hatte an einer Veranstaltung teilgenommen, zu der mich ein Kamerad, der zu CL gehörte, eingeladen hatte. Am Ausgang hat er mich gefragt, was ich davon hielte. «Ja, ja, schon, eine schöne Sache», antwortete ich. «Das wäre schon was, wenn es das ganze Leben lang dauern könnte …» Und er darauf: «Was hindert dich daran?». «Was weiß ich schon, was ich nach dem Wehrdienst machen werde. Ich muss mich um andere Dinge kümmern, meine Freunde in der Pfarrgemeinde, eine Arbeit suchen ...» «Aber das sind keine echten Einwände. Wenn es wahr ist, kannst du all das darin einbeziehen.» Wir haben uns mit einer Wette voneinander verabschiedet, die ich einen Monat später verloren habe: Ich wollte diese Sache für mich, und die vorgebrachten Einwände waren haltlos. Einen Tag vor dem Ende meiner Dienstzeit, sagte mir der Kamerad zusammen mit dem Priester, die gut zwei Dutzend Soldaten der Bewegung begleitete: «Jetzt gehst du zurück nach Hause. Und als Erstes musst du einen erwachsenen Freund finden, dem du erzählst, was dir begegnet ist, sonst wirst du uns verlassen.» Ich habe diesen Erwachsenen angerufen und das ist der schöne Tag gewesen, die Bestätigung dessen, was mir begegnet war. Ich bin nie mehr weggegangen.

Wie hast du dich entschieden, Priester zu werden?
Die Idee ist mir als Möglichkeit und Schönheit gekommen, das Leben für Christus hinzugeben. Eines Tages kam ich zum Sitz von CL in Ravenna und sah die Priester, die die Bewegung leiteten, miteinander im Gespräch. Ich fühlte mich von ihrer Art des Beisammenseins getroffen, und dachte: «Es wäre schön, Priester in einer solchen Gemeinschaft zu sein.» Dann kam 1984 das wunderschöne Treffen anlässlich des dreißigjährigen Jubiläums von CL mit Johannes Paul II. Nachdem ich seine Worte gehört hatte, «Geht und bringt in die ganze Welt die Wahrheit, die Schönheit und den Frieden, denen man im Erlöser Christus begegnet», schrieb ich Giussani. Ich hatte ihn damals noch nie persönlich gesehen. Ich schrieb, dass es mein einziger Wunsch sei, da hinzugehen, wo die Bewegung mich haben wolle. Ein Jahr später war gerade die Priesterbruderschaft vom Heiligen Karl entstanden. Ich bin zum ersten Mal zu Giussani gegangen und er hat mich gefragt, warum ich denn ausgerechnet dorthin gehen wolle, wo ich doch in ein diözesanes Priesterseminar eintreten könne. Ich habe ihm geantwortet, dass ich mit ganzer Hingabe auf das antworten wolle, was er begonnen habe. Er hat das Gespräch abgebrochen, bei dem übrigens auch weitere Priester dabei waren, und gesagt: «Das reicht. Mir scheint die Sache klar. Geh, und habe keine Angst, und vor allem bitte die Muttergottes darum, dir so treu zu bleiben, wie Gott dich gemacht hat.» Darum habe ich seitdem immer gebetet.

Welcher Weg hat dich nach Sibirien, dann nach Sankt Petersburg und jetzt in die Hauptstadt der Russischen Föderation geführt, um so «Du» zu Christus zu sagen?
Der Weg besteht in den Umständen, die ich bejaht habe. Der erste davon war eine Reise mit Massimo Camisasca nach Sibirien. Dort hatte gerade ein Franziskaner begonnen, von neuem die katholische Gemeinde zu versammeln. 1990 hatte er auf dem Meeting um Hilfe gebeten. So geschah es, dass 1991 die Mission der Priesterbruderschaft in Sibirien begann. Ein Jahr später hatte dann einer der drei dorthin entsandten Priester Schwierigkeiten bei der Eingewöhnung und musste zurückkehren. Massimo fragte mich, ob ich bereit sei. Ich bejahte sofort. Es gab keinen Grund dafür, zu dem, was ich bis jetzt bejahrt hatte, nein zu sagen. In Sibirien verlebte ich fünf besonders gnadenreiche Jahre.
Ich durfte miterleben, wie das Volk der Bewegung als Zeichen von Glanz und Hoffnung entstand, auch wenn wir wortwörtlich eine Handvoll Leute waren. Ich erinnere mich an den Geschmack und die Sorgfalt einiger Gesten und Treffen, und es scheint mir, als wären wir dreihundert gewesen.

Nie werde ich den begeisterten Telefonanruf Giussanis Anfang 1997 vergessen: «Alberto, etwas Unglaubliches ist geschehen! Eines unsere Mädchen aus Nowosibirsk hat Leopardis Alla sua donna auswendig gelernt und es der ganzen Gemeinschaft vorgetragen. Das muss unbedingt in Spuren erscheinen!» …
Ich kann mich gut an diesen Moment erinnern, weil er auch uns alle beeindruckte. Wer kann heute noch dieses Gedicht mit dem gleichen Schwung wiederholen, den wir bei Giussani gehört haben!

In Sankt Petersburg hast du das einzige katholische Seminar Russlands geleitet. Und vorher, in Italien, hattest du unmittelbar mit Massimo Camisasca zusammengearbeitet, als Generalvikar der Priesterbruderschaft. Was an der Erfahrung in Rom hat dir in Russland geholfen?
Vor allem die Erziehung junger Menschen, die erzieherische Leidenschaft. Die Jahre mit Massimo haben mich Beharrlichkeit gelehrt und jeden Tag ohne Widerstand neu anzufangen. Das tut man nicht, weil man ein Projekt hat oder zu einem guten Ergebnis kommen soll, sondern weil man gewiss ist, dass man das, was uns getroffen hat, empfangen und weitergegeben kann; und dass es das Leben eines Menschen groß machen kann, sogar das eines Priesters. So ist es möglich, einen Seminaristen dazu zu erziehen, ganz Mensch zu sein, ganz hingegeben, geweiht, beispielhaft bereit, sein Leben Christus hinzugeben, und dann dazu, zu zeigen, wie dies das Dasein eines jeden groß machen kann. Auch habe ich gelernt, meine Nase ohne Furcht in eine Institution wie etwa ein Seminar hineinzustecken. Ich konnte auch diese Aufgabe so annehmen, dass sie nicht etwas Nebensächliches war. Vielmehr konnte ich hier meine Leidenschaft für Christus und meine Beziehung zu Ihm zeigen. Drittens habe ich erfahren, dass diese Leidenschaft für Christus überall Fleisch annehmen kann, und es gibt keinen Menschen, kein Umfeld, kein Volk, keine Kultur, nichts, was undurchdringlich wäre. Wenn es stimmt, dass das Herz des Menschen überall gleich ist, dann kann die Begegnung jeden Menschen erreichen. Und zugleich mit der Begegnung auch unser besonderes Charisma, da es ein kirchliches Charisma ist.

Kürzlich hat Carrón von einem «schrecklichen Mangel an Zuneigung» gesprochen und von der Undurchdringbarkeit, die uns unfähig macht, eine angemessene Beziehung zur Wirklichkeit zu haben. Ist das auch in Russland so? Was kann diese Trockenheit überwinden und ein Interesse erregen, das über eine momentane Reaktion hinausgeht?
Mir scheint es auch bei uns so zu sein, aber gerade ins Gegenteil verkehrt: Also nicht eine trockene und kühle Anerkennung Christi. Das wäre das Risiko für einen westlichen Menschen. Eher stehen wir hier vor einem Überfluss an Gefühl, das sich aus einer Übertreibung des Herzens heraus auf die Wirklichkeit wirft und dabei ganz sentimental bleibt. Was kann diese Übertreibung lindern? Jemand, der eine Beziehung zur Wirklichkeit ohne Mangel an Zuneigung pflegt, weil er eine liebevolle Beziehung mit Christus hat, die zur Begegnung herausfordert. Wer so lebt, der macht Begegnungen, hat eine Geschichte und braucht keine Angst davor zu haben, sie vorzuzeigen. Er wird vom Anderen erzogen, und diese Erziehung zeigt sich in der Beziehung zur Wirklichkeit. Er hat keine Angst mehr davor, andere zu erziehen.

Schon im Seminar zog die Gestalt Solovjews Giussani an und einige Werke der Slawophilen vom Ende des 19. Jahrhunderts haben ihn beeindruckt. Das ging so weit, dass er Dozent für orientalische Theologie am Seminar von Venegono wurde. Was bedeutet die Begegnung mit der Orthodoxie für dich? Wie kann die orthodoxe Tradition unsere westliche Denkweise bereichern?
Vor allem zwei Dinge, die mir bei der Begegnung mit Giussani aufgefallen sind, und die ich hier in Russland verwirklicht sehe. Das Erste ist die Leidenschaft für die Schönheit. Die östliche Tradition findet großen Geschmack an der Tatsache, dass das Ereignis Christi die Wirklichkeit verwandelt, und darin kann sie uns noch viel lehren, selbst wenn dieser Geschmack in einigen seiner Ausdrucksweise ermüdet ist, so, wie das auch für viele westliche Christen gilt. Das kommt gut durch die Idee der «Verklärung» zum Ausdruck: Die Wirklichkeit ist dazu berufen, in Christus verklärt zu werden. Mir kamen dazu die Worte Johannes Paul II. zur Dreißigjahrfeier der Bewegung in den Sinn: «Wir glauben an den gestorbenen und auferstandenen Christus, an Christus, der hier und jetzt gegenwärtig ist und der allein die Welt verändern kann und verändert, indem er sie verwandelt – den Menschen und die Welt.» Das Zweite ist ein leidenschaftlicher Begriff von «Gemeinschaft»: Das Erkennen der Wirklichkeit und daher die Vertiefung in das Geheimnis Gottes erfolgen nicht durch die Kraft des einzelnen Genies, sondern sind immer die Frucht einer Gemeinschaft, eines Ichs, das sich nicht allein sieht, sondern als in Beziehung stehend. Also ein kirchlicher Begriff vom Ich. Wie oft hat Giussani mit Nachdruck zusammen mit dem Apostel Paulus gesagt, dass wir in Christus «einer» sind und der eine Teil des anderen ist.

Die Leidenschaft für die Einheit der Kirche beseelt Benedikt XVI. Vor kurzem fand in Ravenna eine Versammlung der internationalen gemischten Kommission für den theologischen Dialog zwischen katholischer und orthodoxer Kirche statt. Der Papst bat in seinem Grußwort um das Gebet, damit «wir auf eine volle Gemeinschaft unter Katholiken und Orthodoxen zugehen können und bald dazu kommen mögen, aus demselben Kelch des Herrn zu trinken» (Generalaudienz am 10. Oktober 2007). Was bedeutet «Ökumene» für den neuen Erzbischof von Moskau?
Negativ gesagt bedeutet sie nicht einfach Toleranz oder Gegenüberstellung. Ökumene ist vor allem ein Verständnis meiner selbst als Teilnehmer an der Beziehung zu Christus, der im Stand ist, alles und jeden zu umarmen. In diesem Sinne ist sie ein Geschmack daran, dem anderen entgegen zu gehen, eine Leidenschaft, den anderen kennen zu lernen und zu entdecken, was er an Wahrem und Positivem in sich birgt, und zugleich die eigene Identität und Zugehörigkeit zu vertiefen und zu leben. Im Gespräch mit einigen orthodoxen Freunden kam ich zur Überzeugung, dass der Proselytismus da anfängt, wo die Mission endet. Wenn jemand aufhört, Missionar zu sein, beginnt er sich um andere Dinge zu sorgen: Etwa zu zeigen, dass die eigene Kirche schöner ist, dass es ihr besser gelingt, die eigenen Reihen zu verstärken. Unsere Sorge muss hingegen sein, die Beziehung zu Christus zu leben und zu verbreiten.

Die Treue zur Tradition und der Widerstand gegen den systematischen Angriff des Atheismus waren für uns im Westen ein leuchtendes Beispiel. Der Verein Russia Cristiana hat uns diese Glaubenszeugen kennen und lieben gelehrt. Was bleibt von diesem heldenhaften Zeugnis?
Es bleibt das Beispiel von Menschen, die nicht im Namen eines Projektes oder einer Utopie, sondern im Namen einer einfachen Gewissheit und ohne irgendwelche Ansprüche dem eigenen Glauben treu geblieben sind. Sie haben diesen Glauben gelebt und bezeugt bis hin zum Martyrium. In den letzten Tagen hatten wir zur Eröffnung des neuen Jahres mit der Moskauer Gemeinschaft eine Wallfahrt zu einem der tragischsten Orte in der Nähe von Moskau unternommen. Unter dem Sowjetregime wurden dort Zehntausende von Menschen erschossen. Ich war tief betroffen davon, dass ihr Opfer uns heute eine Stütze ist. Wir waren etwa zwanzig Leute im Schneesturm. Als wir das Kirchlein betraten, das man an diesem Ort errichtet hat, beeindruckte mich der Gedanke, dass das heldenhafte Zeugnis so vieler Leute, deren Namen nie jemand kennen wird, letztlich denselben Grund hatte, dessentwegen auch wir dort waren. Dort waren Russen, Polen, Litauer, Deutsche, Ukrainer und Esten zusammengewürfelt, aber angesichts von Leben und Tod, also angesichts des Geheimnisses Gottes, lebten sie eine Einheit des Zeugnisses, ohne dass es eines Wortes bedurft hätte. Und dies ist uns heute eine große Hilfe. Wir erben diese ganze große Geschichte und führen sie fort.

Die Katholiken von Moskau sind eine kleine Herde. Im Westen ist man oft bemüht, die Glaubenskrise mit Pastoralprojekten und -strategien einzudämmen. Benedikt XVI. betonte allerdings, dass dies nicht der richtige Weg sei: «Die außerordentlichen apostolischen Erfolge, die er (Paulus) zu erzielen vermochte, sind nicht ausgefeilten Strategien der Apologetik und Mission zuzuschreiben. Der Erfolg seines Apostolats ergibt sich vor allem daraus, wie er sich persönlich in die Verkündigung der Frohen Botschaft einbrachte, in einer vollkommenen Hingabe an Christus.» (28. Juni 2007) Was ist deiner Erfahrung nach wichtig?
Ein Volk zu unterstützen, Menschen zu unterstützen. Sie also dazu zu erziehen, den eigenen Glauben, die Beziehung zu Christus als die große Möglichkeit zu leben, mit der Wirklichkeit in Beziehung zu treten, an ihr zu arbeiten, sie zu ihrer Bestimmung zu führen. Ich habe in diesen Tagen das Buch Salz der Erde des damaligen Kardinals Ratzinger noch einmal gelesen. Er spricht von einer Müdigkeit im Glaubensleben aufgrund der Sorge, das Leben zu organisieren. Statt dessen braucht es Menschen, die eine Erfahrung des Glaubens machen. Dann wird auch die organisatorische Seite Ausdruck eines Geschmacks an der Beziehung zu Christus. Verliebt sich jemand in ein Mädchen, muss er natürlich Termin und Uhrzeit für ein Treffen vereinbaren, sonst trifft er sie nie. Aber glücklich ist er nicht wegen des Termins und der Uhrzeit, sondern wegen der Beziehung zu ihr.

Don Giussani wiederholte immer gern einen Satz von Solowjew und machte ihn schließlich sogar zu einem Plakatmotto: «Das Teuerste, was wir im Christentum haben, ist Christus selbst. Er selbst und alles, was von ihm kommt, denn in ihm wohnt körperlich die ganze Fülle der Gottheit.» Was sagt dir diese Aussage als Erzbischof?
Dass nach wie vor auch für mich die Verantwortung in erster Linie darin besteht, weiterhin auf das Geheimnis Gottes zu antworten, so wie Er mich ruft. Ich bin mehr als andere der unmittelbaren Gefahr ausgesetzt, mich um die Organisation des Lebens und der Menschen zu sorgen. Wenn ich mich hingegen um Christus sorge und um alles, was von ihm kommt, dann wird auch die Tatsache, dass ich mich – zurecht – mit den anstehenden Problemen beschäftigen muss, zu einer Gelegenheit, auf das Geheimnis Gottes zu antworten, und nicht zu einer Last, die mich bedrückt und vom Geheimnis Gottes entfernt. Der zweite Punkt, der mich weiterhin jeden Tag berührt, wenn ich die Stelle erneut lese, ist der Moment, wo Jesus zu Petrus sagt: «Folge mir.» Petrus versucht, auf die Aufforderung «Weide meine Schafe» sogleich mit einer Sorge um Johannes zu antworten: «Was machen wir mit dem?» Jesus darauf: «Mach dir keine Sorgen; Folge mir.» Wenn ich Ihm folge, wenn ich Ihn als das Teuerste habe, was ich besitze, dann, ja dann kann ich mich um die kümmern, die mir anvertraut sind.

Du hast in einem Brief aus Nowosibirsk an Don Giussani, den er auf den Exerzitien der Fraternität von 1996 vorlas, geschrieben: «Es scheint mir, dass ich in dieser Zeit eine ganz neue Dramatik lebe. Ich werde mir bewusst, dass die Menschlichkeit Christi in meinen Adern fließt ... Ich bete darum, dass die Leute, die an den Exerzitien teilnehmen, froh darüber sind, Christus zu lieben, dass sie sich danach sehnen, sich auf die Wirklichkeit einzulassen, um jenes Ziel zu verwirklichen: Seine Verherrlichung in der Geschichte.»
Das ist es, worum ich weiterhin für mich und für einen jeden bitte: dass er nicht nur in Beziehung zu Christus steht, sondern glücklich darüber ist; dass er das nicht als etwas Selbstverständliches, Formales, Verpflichtendes lebt. Und ich bemerke, dass ich nicht im Abstrakten glücklich bin über die Beziehung zu Christus, sondern in der Art und Weise, wie ich mich auf die Wirklichkeit einlasse. Deshalb habe ich als Wahlspruch einen Satz gewählt, den Don Giussani uns vor vielen Jahren sagte: «Habt eine Leidenschaft für die Herrlichkeit Christi.» Als ich das hörte, sagte ich mir: «Das ist es, was ich für mein Leben will.» So lautet mein Wahlspruch «Leidenschaft für die Herrlichkeit Christi». Gewiss, ich hätte mir nie vorstellen können, dass der Herr mit mir so weit gegangen wäre.

cover Juni 2013

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